Kreatives Schreiben unter freiem Himmel
Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich zum ersten Mal im Regensburger Stadtpark Tai Chi übte – zusammen mit Nancy und dem Volkshochschulkurs, um 1995 war das. Die Bewegungen waren noch neu und ungewohnt für mich, ich hatte Hemmungen mich damit gleich im Park zu zeigen. Doch die verflogen schnell: Die Übungen forderten zu viel Konzentration, um sich noch einen Kopf zu machen. Ganz von selbst floss meine Aufmerksamkeit nach innen und in meinen Körper, der sich öffnete und weitete. Dazu der Wind auf meiner Haut, die frische Luft, das Vogelzwitschern, die bloßen Füße im Gras – wen kümmerte da noch die Außenwelt? Ich fühlte mich geborgen im Kreis der anderen.
Und heute, dreißig Jahre später, leite ich selbst Gruppen im Kreativen Schreiben an. Seit ein paar Jahren auch unter freiem Himmel. Das Wetter kann sehr unterschiedlich sein – mal ist es noch sommerlich mit über dreißig Grad und wir finden Abkühlung unter Bäumen. Oder der Herbst hat sich schon angeschlichen und lässt uns frösteln. Und einmal hörte es genau fünf Minuten vor Kursbeginn zu regnen auf. So ein Outdoor-Kurs stellt eine vor ganz andere Herausforderungen als ein Seminar im Raum: Wird das Wetter halten? Welchen Platz wählen wir und wie finden uns Teilnehmende, die sich verspäten? Wie ist die Klo-Frage gelöst? Und ach, die Natur: Besuchen uns Zecken oder Wespen, wie feucht ist schon das Gras, wie bequem das Sitzen auf der Erde?
Doch auch diesmal, an einem Samstag Mitte September im Herzogspark, fügt sich wieder alles. Die älteste Teilnehmerin bekommt kurzerhand eine Parkbank hingestellt, die jüngste nimmt neben ihr Platz. Wir anderen breiten Picknickdecken aus, Trinkflaschen und natürlich Schreibzeug kommt dazu. Wir haben uns einen sonnigen Flecken auf der Wiese ausgesucht, zwischen zwei Wegen, ziemlich öfffentlich. Wir starten im Stehen, richten die Aufmerksamkeit auf die Füße und unsere Körper. Nehmen wahr, was wir sehen, hören, fühlen oder riechen. Wo wir sind. Wie sich die Luft anfühlt und das Gras unter den Füßen, wie der Atem kommt und geht – ähnlich wie damals beim Tai Chi im Stadtpark.
Dann beginnen wir zu schreiben. Mit einem Freewriting: Jede schreibt zehn Minuten lang, was ihr in den Sinn kommt. Die einzige Vorgabe ist, den Stift immer in Bewegung zu halten. Die Texte werden nicht vorgelesen, dienen ausschließlich zum Ankommen, innehalten, sich gewahr werden. Schreiben ohne Zensur von außen. Anschließend bitte ich die Frauen, einen oder zwei Sätze zu formulieren und sich damit vorzustellen. Basierend auf dem Freewriting oder auch neu angesetzt.
Alle sind gut ins Schreiben gekommen und erzählen, was Schreiben ihnen bedeutet. Manche schreiben schon länger, andere möchten es ausprobieren, sind offen für Neues. Mit weiteren Impulsen bleiben wir im Schreibfluss, schreiben über Erinnerungen, Eindrücke, Ideen. Die Bäume schauen uns zu, Vögel rufen zu uns herunter und verewigen sich in Texten. Hin und wieder kommen Menschen vorbei. Dann lesen wir einander vor. Erst entsteht noch eine Pause, wenn die Passanten zu nah sind und mithören könnten. Doch mit der Zeit vergessen wir sie, wir sind unter uns und die geteilten Texte schaffen Nähe und Verbindung, wir sind eine Gemeinschaft auf Zeit. Ein geschützter Raum entsteht – die Gruppe selbst ist unser Raum.








