Woran ich gerade schreibe?
Das möchte ich eigentlich noch gar nicht verraten (und tue es doch – aber erst weiter unten :-)). Denn am liebsten hüte ich neue Ideen so lange, bis ich sicher bin, wohin die Reise geht. Das hängt auch mit meinem Schreibprozess zusammen: Ich schreibe erstmal drauflos, der Weg entsteht beim Gehen, beziehungsweise Schreiben eines Romans. Erst wenn genügend Material da ist – also vielleicht 40, 50 Seiten oder mehr – steige ich tiefer in die Planung ein. Weil sich meine Vorstellung von der Geschichte nach und nach formt, während ich die Figuren näher kennenlerne und Schauplätze gestalte.
Inzwischen kenne ich mich und mein Schreiben gut genug, um zu wissen, dass ich mich an die Geschichte "heranschreiben" und viel überarbeiten muss. Beim aktuellen Projekt dachte ich – wieder einmal – dass ich schon einen Schritt weiter bin. Ich habe ja einen groben Plan, was in der Geschichte passieren soll. Ziemlich flott produzierte ich viel Text; eine Testleserin des ersten Kapitels gab mir das ermutigende Signal: "Ich bin gut in die Geschichte reingekommen und möchte wissen, wie es weitergeht." Doch nach etwa 100 Seiten schwante mir: Das dauert alles zu lang, bis etwas Wesentliches passiert … und meine innere Schreibprojektleiterin spuckte einige Tage die Kurskorrektur aus. Mehrere Kapitel habe ich ins Archiv verschoben, eines davon soll später wieder zum Einsatz kommen; es steigert sogar die Spannung, wenn gewisse Dinge in der Schwebe bleiben und meine Hauptfigur erst später die Auflösung erlebt.
Schreiben, Streichen, Arrangieren
Andere Textteile könnten Bonuskapitel zu dem Buch werden, die ich an Leserinnen verschenken kann – oder Ausgangspunkte für neue Geschichten. Sie sind für das aktuelle Projekt nicht wirklich notwendig, bilden aber den Hintergrund der Figuren, sodass ich sie glaubwürdiger handeln lassen kann. Und manchmal geht es bei mir wirklich nur darum, mich in der Geschichte aufzuhalten – währenddessen passiert etwas in mir, in der Schreibabteilung meines Körpers und meiner Seele, das den Plot schärft und mich der Vollendung näherbringt. Ich schreibe und schreibe, arrangiere, streiche, stelle um, verknappe hier und verbreitere da … bis es sich einstellt, dieses Gefühl: Alles rutscht an seinen richtigen Platz.
Nicht professionell?
Wenn man stur an Plotmodellen und bestimmten Schreibratgebern festhält, dann vielleicht. Doch die meisten Schreibenden wissen, dass es ungefähr so viele Schreibertypen wie Texte gibt. Ich kenne mehrere Struktur- und Plotmodelle, angefangen bei der einfachen 3-Akte-Struktur (Anfang, Mittelteil, Schluss und dazwischen Wendepunkte …) bis hin zur Heldenreise, die in meinem Fall eine Heldinnenreise ist. Am mangelnden Wissen oder der Erfahrung (schließlich habe ich schon vier Romane veröffentlicht und noch mehr geschrieben) kann es nicht liegen. Es liegt an meiner Art zu schreiben, an den Themen die mich bewegen und der inneren Arbeit, die zur Transformation in eine Geschichte notwendig ist – zumindest bei mir. Die Plotmodelle dienen dann eher der Analyse als der Planung, oder ich passe den ursprünglichen Plan immer wieder an.
Der rote Faden in deinem Inneren
Und dazu möchte ich auch dich ermutigen: Es gibt einen roten Faden in deinem Inneren, dem dein Schreiben folgt – vielleicht hast du nur den Anfang noch nicht gefunden. Ich stelle mir das vor wie ein Wollknäuel auf dem Schoß, das auch mal runterfallen kann. Vielleicht spielt die Katze damit und du musst erst mal alles wieder entwirren … Manchmal handelt es sich auch um gekräuselte Wolle, die schon mal verstrickt und wieder aufgetrennt wurde, die losen Enden zusammengeknotet.
Und nun zur Auflösung (woran ich schreibe): An einer Fortsetzung meines Familienromans Zwischen den Bäumen funkelt das Licht. Dass das Setting und die Figuren schon bekannt sind, ist neu für mich und manchmal hilfreich, manchmal aber auch eine Herausforderung. Doch davon ein andermal :-)
Diesen Text habe ich übrigens gerade ziemlich frei heruntergeschrieben, ohne Vorausplanung. Ich bin mal mutig und lasse ihn so stehen.
Bestimmt sehe ich morgen, übermorgen oder in vier Wochen, wo der rote Faden seine Umwege nimmt oder schief gewickelt ist. Dann kann ich immer noch entscheiden, was ich stehenlasse oder ändern will. Vielleicht macht dir dieser ungeschönte Text aber auch Mut.
Mut zu schreiben, als gäbe es kein Publikum!








