Ein Leben, viele Bücher

Sabine Rädisch

Wer liest oder selbst Geschichten schreibt, kann viele Leben leben, kann Dinge innerlich ausprobieren und durchfühlen. Dieses Eintauchen in fremde Innen- und Außenwelten erschien mir von Kindheit an verlockend. Das eine Buch, das mich geprägt hat, gibt es daher nicht. Vielmehr habe ich wechselnde Lese-Vorlieben, die gerade zu der jeweiligen Lebensphase passen. In frühester Kindheit waren es Bilderbücher wie Das Auto hier heißt Ferdinand. Erst jetzt stelle ich fest, dass es von Janosch ist - Name und Bekanntheitsgrad des Autors oder Illustrators waren mir als Drei- oder Vierjährige wohl noch ziemlich egal :-)

 

Später ging es weiter mit Ronja Räubertochter, mit den Fünf Freunden oder Anne of Green Gables. Es folgten Unterhaltungsromane der damaligen Zeit, die meine Mutter gerne las, wie zum Beispiel die Poenichen-Trilogie von Christine Brückner, in der sich die Fluchterfahrungen meiner eigenen Familie spiegelten. Und natürlich las ich mich auch durch die Gemeindebücherei und die Schulbibliothek, durch Biografien von so unterschiedlichen Persönlichkeiten wie Martin Luther King und Marilyn Monroe. Dann amerikanische Erzähler*innen und englische Krimis.

 

Es sind ganze „Buchfamilien“, die mein Lesen, Leben und Schreiben geprägt haben – in dem Sinne, dass die Bücher eine thematische Verwandtschaft miteinander aufweisen. Und in einem weiteren Sinn: Bücher, die wie gute Freunde sind. Mit denen man eine schöne Zeit verbringen, lachen und weinen und am Leben der Figuren Anteil nehmen kann. Auch fantastische Geschichten faszinierten mich, wie Das Mädchen mit dem Kupferhaar von Brigitte Kaufmann: Ein Jugendbuch, das schätzungsweise um 1985 unter dem Weihnachtsbaum lag und das ich noch in der Nacht verschlang. Kennt das noch jemand? Da geht es um ein Mädchen, das gegen die Herrschaft der Computer auf ihrem Planeten rebelliert und sich für ein Leben in der Natur entscheidet. Die Geschichte des Aufbegehrens, mit der ich mich damals gut identifizieren konnte.

 

Das Genre Science Fiction sollte meine frühen Schreibversuche prägen: Jahrelang schrieb ich so etwas wie Captain-Future-Fan-Fiction und hatte sogar eine eigene kleine Fangemeinde in der Schule! Ich schrieb mit Bleistift in Schulhefte oder kleine Buchkalender. Was eben gerade so verfügbar war. Ich schrieb so, wie ich las, ließ die Geschichte einfach in mir ablaufen – ohne auf einen handwerklich „korrekten“ Plot zu achten oder gar an eine Veröffentlichung zu denken. Ich schrieb, weil und wie es mir gefiel. Sicherlich hat das auch mein Schreiben geschult. 

 

Immer wieder ertappe ich mich bei dem Gedanken, ich sollte doch etwas Bedeutungsvolleres gelesen haben – Werke wie Der Fänger im Roggen, das viele als DAS Kultbuch schlechthin bezeichnen, wenn es um prägende Leseerlebnisse in der Jugend geht. Doch ich wuchs in einem 80er-Jahre-Arbeiter-Haushalt heran. Meine Eltern waren nicht akademisch gebildet und meine Mutter las für ihr Leben gern. Und so blätterte auch ich mich quer durch das, was der Bertelsmann Buchclub so zu bieten hatte. Und finde jetzt heraus, dass er schon seit gut 10 Jahren nicht mehr existiert. Kein Hauptvorschlagsband mehr, keine Kataloge und erst recht keine Filialen. Meine Eltern verstarben in dem Jahr, bevor die letzte ihre Pforten schloss. Und irgendwie tröstet mich die Vorstellung, dass der Buchclub wahrscheinlich ihr ganzes Erwachsenenleben begleitet hat. 

 

Meine Online-Flatrates bei verschiedenen digitalen Bibliotheken, eine davon öffentlich (danke, Stadtbücherei Regensburg!) erscheinen hier wie eine logische Fortsetzung der Buchclub-Ära; Bücher und Schreiben sind und bleiben verlässliche Begleiter auf meiner eigenen Lebensreise. Ich möchte hier nach und nach noch mehr solcher Erinnerungen teilen – was bestimmte Autor*innen und Bücher mir bedeuten und welche Impulse sie mir gegeben haben. Schau wieder rein!

 

Bild: Foto M.G.

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Kommentare: 2
  • #1

    Ingrid Kellner (Sonntag, 21 April 2024 15:07)

    Hallo, Sabine,
    Ich habe deinen Text sehr gerne gelesen, Auch meine Mutter hat uns mit Büchern aus dem Bertelsmann Buch Club versorgt. Und es gab die Bücher, die ich per Fahrrad aus der nächsten städtischen Bücherei in München-Laim holte. Ich las damals an die 40 Bücher von Karl May. Mein Vater, bevorzugte Götter, Gräber und Gelehrte. Die zog ich mir auch rein. In der Bücherei selbst gab es so einen komischen Geruch, von dem ihr schlecht wurde. Oder war es die Pubertät, die mich schwindlig werden ließ?
    Ich grüße dich herzlich und freue mich, dass ich dich kenne.
    Ingrid

  • #2

    Ingrid (Sonntag, 21 April 2024 15:08)

    Einmal hätte gereicht, tut mir leid.