Willkommen in meiner Schreibwerkstatt!

Schreibtipps, Einblicke in meine Schreibwerkstätten, Alltagsfundstücke, eigene Lyrik und Prosa: Hier auf der Startseite biete ich regelmäßig Neues. Mehr über mich und meine Angebote gibt es im Menü nebenan. Viel Spaß beim Schreiben und Lesen!

 

Ihre/deine

Sabine Eva Rädisch

 

P.S. Im August 2016 erscheint mein Roman Brot und Bitterschokolade!

 

Blog

Mo

18

Jul

2016

Herr Tüftel

Text zur Ausstellung "mariscal world in regensburg" im Leeren Beutel

Am gestrigen Sonntag habe ich an der Lesung im Leeren Beutel teilgenommen. Zuvor war ich in der Galerie, um die Bilder auf mich wirken zu lassen. Einige davon sehr bunt, sehr lebendig, mediterran. Andere erzählen kleine Bildergeschichten ...:

 

Es ist sechs Uhr morgens.
Herr Tüftel duscht im Regen.
Das ist schön.
Herrn Tüftels Dusche funktioniert nicht mehr.
Nur der Fernseher.
Also nimmt Herr Tüftel die Wolke mit nach Hause und duscht sich dort weiter.
Die Wolke hat verschiedene Programme.
Sie kann:
Sanft duschen
Massageduschen
Trockenduschen
Zimmerregen - das ist gut für die Pflanzen -
Peeling mit Hagelkörnern und noch vieles mehr.
Herr Tüftel duscht vor dem Fernseher und hat Glück:
Die Sicherung fliegt raus.
Der Strom kommt nicht wieder und auch der Regen ist ausgefallen.
Die Vierzig-Grad-Wäsche bleibt heute liegen.
Herr Tüftel nutzt die Regenpause zum Frühstücken.
Als der Regen wieder einsetzt, steigt Herr Tüftel in sein U-Boot und fährt los.
Er fährt durch die Wüste.
Es regnet.
Er fährt durch den Wald.
Es regnet.
Er fährt durch den Fluss.
Es regnet.
Er fährt über Wolken.
Es regnet.
Er fährt durch ein Dorf.
Dort gibt es ein Haus und einen Baum.
Es regnet.
Um neun Uhr erreicht Herr Tüftel die Baustelle.
Im Trockenen.
Ausnahmsweise.
Herr Tüftel schiebt schwarze Lava zu einem weißen Sandkieshaufen.
Zwischendurch setzt er seinen Helm auf und misst den Abstand zwischen beiden.
Gegen Mittag: archäologisch bedeutsame Funde.
Die Baustelle ruht.
Herr Tüftel geht zum Mittagessen.
Das Essen dampft.
Herr Tüftel schrumpft.
Es ist genug zu trinken da.
Am Nachmittag eilt Herr Tüftel zu seinem Nebenjob:
Fahrzeugtester in einer Oase.
Ein Motorroller
Ein Tretroller
Noch ein Tretroller
Ein Golfbuggy
Ein Bobbycar.
Der Rest ist Fata Morgana.
Vor allem die fahrbare Herdplatte mit dem Teekessel drauf.
Der letzte Roller verwandelt sich vor Herrn Tüftels Augen in einen Cadillac.
Herr Tüftel erwacht.
Es ist schon wieder neun Uhr.
Ein schwarzer Lavahaufen versperrt die Straße, die voller Motorroller ist.
Herr Tüftel drückt sich den Helm fest aufs Haupt und rennt - eine dreistöckige Torte balancierend - zwischen den glänzenden Gefährten hin und her.
Es regnet nicht mehr.

 

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Sa

18

Jun

2016

Bewegung ist mein Leben

von Marianne Bischof. Aus der biografischen Schreibwerkstatt

Der Drill beginnt am Morgen.
Den Startschuss macht der Wecker.
Schnell links aus dem Bett gerollt.
Robben zum Kaffeekocher.
Intensives Zähneschrubben unter dem harten Strahl der Dusche.
Heftiges morgendliches Gefecht mit dem Gatten: Touché.
Dritter Stock runter.
Rauf aufs Fahrrad, schon wieder zu spät.
Rote Ampel mit Blick auf Blaujacken umfahren.
Treppen hochspringen.
Kotau vor dem Chef.
Harter Handkantenschlag auf den defekten Computer.
Einarmiges Reißen des Telefonhörers.
Endlich Pause.
Büroschlaf

 

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So

12

Jun

2016

Aus dem Leben einer Teilzeitschriftstellerin

Zurück im Alltag

So langsam gewöhne ich mich wieder an mein normales Leben. Doch was heißt normal? Nach einem Monat voller künstlerischer Freiheiten, neuer Eindrücke und intensiver Schreibzeit als Writer in Residence in Pécs tauchte ich letzte Woche wieder in meinen Alltag ein: Meine Arbeit als Bauingenieurin, das Schreiben von Blogartikeln, Geschichten und Gedichten, Planen von Schreibkursen, FreundInnen treffen und Kulturveranstaltungen besuchen - das ist mein normales Leben. Das Pécs-Gefühl, wie ich es nenne, lässt sich nicht konservieren. Doch ich habe mir vorgenommen, auch zu Hause noch mehr Kulturmensch zu sein und auch in der scheinbar vertrauten Umgebung das Neue, Schöne und vielleicht auch Fremde gezielt zu suchen. So war ich endlich einmal im Literaturhaus Oberpfalz in Sulzbach-Rosenberg, wo ich fast nahtlos an meine Erlebnisse in Südosteuropa anknüpfen konnte: Mit Literatur als europäische Muttersprache: Begegnung mit AutorInnen aus neun Ländern - Lesungen und Gespräche u.a. mit Harald Grill, Tsvetanka Elenkova (Bulgarien), Vladimir Đurišić (Montenegro): Das geniale Projekt OMNIBUS führt in diesem Sommer insgesamt 100 europäische Autorinnen und Autorinnen von Finnland bis Zypern; auf der gesamten Strecke finden Lesungen, Diskussionen und Workshops statt.

Und auch das Wandern soll in diesem Sommer nicht zu kurz kommen - es beflügelt die Gedanken, die Seele und den Körper sowieso. Deshalb erstürmte ich gleich am Sonntag nach meiner Rückkehr den Kaitersberg und den Burgstall, auf dem ein Fernsehturm steht: Eine wehmütige Erinnerung an meine Wanderung im Mecskek-Gebirge ...

Und dann gilt es natürlich noch die mitgebrachten Texte und Ideen zu verwerten. Das wird wohl noch eine Weile dauern. Irgendein Eisen ist immer im Feuer und ich freue mich wie verrückt auf die Veröffentlichung meines ersten Romans im August, die mein Verlag auf den Weg gebracht hat, während ich weg war. Inzwischen steht meine Autorinnen-Seite auf Facebook, es gibt schon erste Vorbestellungen für das Buch und bald werde ich euch hier informieren, wo die Buchpräsentation von Brot und Bitterschokolade stattfindet - voraussichtlich nach den Sommerferien. Davor lese ich Lyrik bei der Sechsten Nacht der Poesie am 24. Juni im Herzogspark - gemeinsam mit lieben Autoren- und Autorinnenkollegen. Brandneue Gedichte aus Pécs werde ich dort sicher auch vortragen. Am gleichen Wochenende ist Tag der offenen Ateliers im Oberpfälzer Künstlerhaus (das mir ja auch den Aufenthalt in Pécs ermöglicht hat). Ich bin schon gespannt auf die dortigen internationalen StipendiatInnen ... So ist schon wieder einiges los in meinem Leben als Teilzeit-Schriftstellerin - und (natürlich nicht) nebenbei arbeite ich ja auch noch im Bereich der Regensburger Unterwelt ...

 

Auf den Spuren berühmter Dichter: Im Literaturarchiv Sulzbach-Rosenberg
Auf den Spuren berühmter Dichter: Im Literaturarchiv Sulzbach-Rosenberg
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Di

31

Mai

2016

plötzlich Pécs

die schöne Unbekannte
umarmte mich
mit ihren Gegensätzen
zwinkerte mir Regentropfen
auf blühende Kastanien
und hielt mich fest
in meiner Mitte
ich ließ mich schreiben
von Café zu Café
ein jedes wie eine
kleine Universität
das Herz der Stadt
krönt eine Kuppel
sogar ihr Staub ist weicher
als daheim -
endlich begreife ich
den Unterschied
zwischen makellos
und schön

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So

29

Mai

2016

Goodbye, Pécs

In diesem Mai habe ich viele Dinge zum ersten Mal getan: Das erste Mal länger in Ungarn sein -  ein Arbeitsaufenthalt mit Selbsterfahrungs- und Urlaubsgefühlen. Und das allererste Mal in Pécs. Das schließt viele erste Male mit ein, praktisch jeden Schritt auf Straßen und Plätzen, in Gassen, Gebetshäusern dreierlei Religionen, Museen. Und natürlich die Cafés, in denen ich so ausgiebig zum Schreiben gekommen bin. Dort gab es auch viele zweite, dritte ... Male. Und heute: vieles zum letzten Mal. Ich versuche, ganz beiläufig den Széchenyi-Platz zu überqueren und so zu tun, als sähe ich die katholische Moschee, deren Kuppel den Platz nun mal dominiert, nicht zum letzten Mal, als ginge ich nicht ein letztes Mal die Király-Straße entlang, als sähe ich nicht zum letzten Mal die wie mit feinem Bleistift hinskizzierten Trauflinien der Gebäude. Zuvor habe ich den vorletzten (in der Nappali Bar) und den wirklich letzten Cappuccino (in der Kisülés Kávéműhely) getrunken und die allerletzte Limonade ... ich habe in mein Tagebuch geschrieben (was sonst) und überlegt: Was bleibt hier von mir außer einer angebrochenen Packung Earl Grey? Und was möchte ich mitnehmen?

Die Antwort auf beide Fragen: Meine Texte. Sie bleiben hier, weil ich einen Beitrag zum Blog des Pécs Writers Program leiste - Auswahl und Übersetzung ins Ungarische nehmen freilich noch ein wenig Zeit in Anspruch. Außerdem wird es eine Anthologie mit Texten ehemaliger Stipendiaten und Stipendiatinnen geben; ich fühle mich geehrt, dass ich dabei sein darf und Texte von mir ins Ungarische übersetzt werden! Und meine Texte kommen mit, weil ich länger davon zehren werde. In der Literatur wie im Leben (falls es da überhaupt eine Trennlinie gibt). Sie werden mir über das Heimweh nach Pécs hinweghelfen - denn das Pécs-Gefühl kommt mit. Das Gefühl, bei mir zu sein, egal wo ich bin und was ich tue. Denn in ein paar Tagen schon tauche ich wieder ein in meinen Alltag, und ich fühle mich gestärkt dafür. Gelassener vielleicht. Und dankbar für alles, was ich habe. Denn ich habe hier einerseits viel Lebensfreude gesehen: Junge Menschen auf Caféterrassen oder den Innenhöfen von Kneipen, Kinder, die am Springbrunnen spielen, und viel mediterranen Genuss. Aber da waren auch viele Menschen, die um Geld baten. Menschen, die aus der Bahn geworfen wirkten und deren Gesichter traurige Geschichten erzählten. Das gibt es bei uns zu Hause auch - doch hier erscheinen mir die Gegensätze noch stärker; auch im Straßenbild. Der Széchenyi-Platz ist das Herz der Stadt; ein öffentlicher Raum, in dem man sich gerne aufhält, mit prächtigen Gebäuden und Fassaden und - natürlich - Caféterrassen, von denen aus man Zaungast vieler kleiner Straßenszenen werden kann. Spielende Kinder (dank Autofreiheit), waghalsige Bergabfahrten mit Kinderrädern, Straßenmusik, Jugendgruppen und Liebespaare. Auch auf vielen anderen Straßen und Plätzen lässt es sich wunderbar flanieren. Dann gibt es noch die anderen. Die Straßen mit höchst eigenwilligem Charaker. Mit verschiedenen Belägen oder Klee, der aus den Ritzen wächst und die - manchmal bröckeligen - Fassaden mit dem Gehsteig verbindet. Straßen, in denen die Häuser noch eine Seele haben - und ihre Eigentümer vielleicht nicht genügend Geld, um umfassend zu sanieren. Darin liegt auch eine Chance. Pécs ist eine Stadt mit Substanz, und es ist noch nicht raus, wie diese sich in Zukunft entwickelt. Pécs fühlt sich leicht an, langsam und entspannt. Das liegt zum einen natürlich an meiner privilegierten Situation. Zum andern daran, dass die Stadt nicht überfüllt ist. Angenehm für mich - jedoch: Die Stadt hat mehr Besuch verdient. Ich werde es jedem weitersagen, wie schön sie ist und wie viel es zu entdecken gibt, vom Zsolnay Kulturviertel über die Museen, die Gastronomie und das Stadtbild an sich. Auch die Lage direkt am Mecsek-Gebirge ist ziemlich einzigartig. Meine Rundwanderung über den Fernsehturm hätte mir Lust auf weitere Wanderungen gemacht, und den Abstecher ins Weinbaugebiet habe ich auch nicht mehr geschafft.

Jedenfalls: ich bin dankbar für das, was ich erleben durfte und das, was ich am Schreiben habe, an meinem Leben zuhause und nicht zuletzt auch an Menschen, die meinen Aufenthalt hier wohlwollend verfolgt haben.

So. Bevor ich jetzt endgültig rührselig werde: Was tut eine Literaturstipendiatin an ihrem letzten Tag in Pécs? Am Morgen brachte ich meine Freundin aus Regensburg zum Bahnhof, mit der ich hier drei Tage lang noch etwas Urlaubsgefühl und Freundinnen-Zeit erleben durfte. Da konnte ich den Abschiedsschmerz schon einmal üben.

Dann "nach Hause" zum Packen und Aufräumen. Und anschließend doch noch ein erstes Mal: Ins Einkaufszentrum in den Media Markt. Der sieht natürlich genauso aus wie alle Media Märkte dieser Welt (zumindest so wie die, die ich aus Deutschland kenne). Denn ich wollte doch noch mehr mitnehmen: Nämlich Musik. Ich griff mir aufs Geratewohl einige Scheiben und wandte mich an eine Verkäuferin. Die rief ihren Kollegen; ob deshalb, weil er des Englischen mächtig war oder des Technischen, vermag ich nicht zu sagen - jedenfalls aktivierte er einen PC für mich und überließ mich meinem Schicksal. Über einen Barcodescanner sollten die Stücke aus der Datenbank abrufbar sein, aber das funktionierte nur lückenhaft, die Menüführung mit Suchfunktion natürlich Ungarisch. Vielleicht habe ich sie sogar richtig bedient - trotzdem konnet ich nur drei Scheiben anhören: Eine CD, die klang wie ein Worst-of der Zweitplatzierten aus dem nationalen Vorentscheid für den Eurovision Song Contest; eine weitere mit Geräuschen irgendwo zwischen Thrash Metal und Ich-weiß-nicht was. Die dritte aber sprach mich schon vom Titel her an: Adieu les complexes von Beáta Palya, die in ihrer Musik verschiedene Elemente ungarischer und bulgarischer Volksmusik mit weiteren Einflüssen vereint. So tanze ich angefüllt mit Eindrücken nach Hause - und kann dort das Pécs-Gefühl mit ungarischer Musik wieder herholen ...

 

Und was kommt jetzt? Ich habe wieder mal mehr und anderes geschrieben, als ich eigentlich wollte. Ich werde auf jeden Fall noch einen Best-of-Pécs-Beitrag schreiben, mit schönen Fotos und einer Linkliste englisch- und deutschsprachiger Seiten, die mir bei meinem Aufenthalt auch weitergeholfen haben. Ich glaube, ich wiederhole mich, aber: die Stadt ist wunderschön und sehenswert. Und an der Sprache soll's nicht scheitern!

Außerdem habe ich noch das eine oder andere Gedicht in petto.

Also schaut mal wieder rein, welche Spuren Pécs auf diesem Blog hinterlässt!

 

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Mo

23

Mai

2016

Pécs: Begegnung mit mir selbst

Zwischen den letzten beiden Einträgen über Pécs ist eine Woche vergangen. Das bedeutet aber nicht, dass ich nichts geschrieben habe. Im Gegenteil: Ich überarbeite ein Romanmanuskript, texte Blogartikel - und ich schreibe sehr viel in mein Notiz- und Tagebuch. Am liebsten in einem Café, mit Geschirrgeklapper, dem Zischen der Kaffeemaschine und den Stimmen der anderen Gäste um mich herum. Dann stellt sich dieses Gefühl konzentrierter Zeitlosigkeit ein, das die Ideen fließen lässt.

 

Durch das Schreiben leben

Auch darum bin ich hier: um Raum für mein eigenes Schreiben zu haben, in einer fremden und anregenden Umgebung. Denn wie viele Autoren und Autorinnen habe ich einen Erstberuf, von dem ich hauptsächlich lebe. Diese vier Wochen bieten mir das Privileg, mich einmal nur dem Schreiben hingeben zu können. Weil es das Pécs Writers Program gibt, das Oberpfälzer Künstlerhaus und nicht zuletzt meine Kollegin, die mir in vier Wochen unbezahltem Urlaub den Rücken freihält.

Vielleicht lebe ich nicht vom Schreiben - auf alle Fälle aber durch das Schreiben. Für meinen Aufenthalt hier hatte ich mir vorgenommen: Jeden Tag ein Gedicht, um das Erlebte, das Gesehene festzuhalten und zu gestalten. Das klappte aber nur am Anfang. Stattdessen füllte ich bald Seite um Seite meines Tagebuchs.

 

Luft zum Atmen oder: Wer bin ich?

Wer bin ich, wenn ich so gut wie aller Pflichten enthoben bin? Was darf sich zeigen? Wie aufregend oder gar beängstigend ist die Begegnung mit mir selbst?

Es ist keine Überraschung, dass ich viel Zeit für mich benötige. Nach zwei Todesfällen in der engeren Familie Ende 2014 war der Bogen immer straff gespannt, ich funktionierte gut - zu gut vielleicht. Wie immer gab das Schreiben mir Trost und Sicherheit, doch das Leben kam mir immer schneller, immer voller vor.

Jetzt ist plötzlich Luft zum Atmen. Und ich genieße es, bis hin zur Einsiedelei. Die Stadt macht es mir leicht, alleine unterwegs zu sein; die Museen, die Moscheen, Synagogen, Kirchen, das Zsolnay-Kulturviertel auf dem Gelände der Keramikfabrik und die Konferenz, an der ich vergangene Woche teilnehmen durfte. Sie bescherte mir Einblicke darein, was es bedeutet Kulturhauptstadt Europas zu sein (wie Pécs 2010), zu werden oder sich überhaupt nur um den Titel zu bewerben - gerade auch für Städte in Osteuropa. Denn die Sicht des Westens ist - aus meiner eigenen, sehr subjektiven Perspektive - doch oft ziemlich eingeschränkt gegenüber der Vielfältigkeit und Geschichte der neueren Mitgliedsstaaten der EU.

 

Eine Frage der Perspektive

A propos eingeschränkte Sicht. Wenn ich schreibe, kommen "meine" Themen nicht explizit daher, sondern zeigen sich im Spiegel des Erlebten.

Wenn ich durch eine Stadt spaziere, deren offizielle Landessprache ich nicht beherrsche, und mir die Menschen auf unterschiedlichste Weise entgegenkommen - sich um mich und meine Bedürfnisse bemühen.

Wenn ich auf jüdische Spuren stoße, auf osmanische - und auch auf deutsche.

Wenn ich auf Menschen treffe, die in Ungarn oder Rumänien (wie meine Konferenz-Sitznachbarin) beheimatet sind - und die das über Jahrhunderte bewahrte kulturelle Erbe ihrer deutschen Vorfahren als Teil ihrer Identität begreifen.

Wenn ich auf der Seite des ungarndeutschen Lenau-Vereins lese: "Der Lenau Verein nimmt zwischen Ungarn (unsere Heimat) und Deutschland (unsere kulturelle Mutternation) eine Brückenrolle wahr."

Dann denke ich über Heimat nach und über Identität. Und ich frage ich mich: Wie können wir in Deutschland heutzutage annehmen (oder verlangen), dass Zuwanderer sich möglichst schnell und unauffällig "integrieren"? Speist Identität sich nicht immer aus mehreren Quellen - und in manchen Fällen eben aus sehr unterschiedlichen?

 

Was heißt das eigentlich: Heimat, Integration, Identität?

Meine Heimat ist Niederbayern. Ein Landstrich, in dem es weniger jodelt als im bekannteren Alpen-Bayern. Wo die Menschen verhaltener und trotzdem lustig sind. Ein Donauland. Dort bin ich geboren und aufgewachsen und es hängen Gefühle daran. Vollständig integriert fühlte ich mich dort aber nicht: Meine Eltern, die Flüchtlingskinder, hatten eine andere, durch den Nationalsozialismus verwirkte Heimat. Der Dialekt und der nicht-katholische Glaube unterschieden sie von der alt-eingesessenen Bevölkerung. Ich selber lernte Niederbayerisch in der Schule, durfte im Schulgottesdienst nicht zur Kommunion ("die Bösen und die Evangelischen sowieso nicht"), und das mit Schlesien war ein irgendwie exotisches Echo aus fernen Zeiten. Ein familiäres Hintergrundtrauma, mit dem ich nicht unmittelbar etwas zu tun hatte.

Erst heute - ja, vielleicht erst seitdem ich in Pécser Cafés diese vielen Tagebuchseiten zu Papier gebracht habe - komme ich diesem diffusen Gefühl auf die Spur, das mich so lange schon begleitet; ein Gefühl, das mich manchmal rast- und ratlos macht und das sich in vielerlei Gestalten zeigt. Da ist der Bruchteil eines Zögerns, mit dem ich manch spontane Gelegenheit ungenutzt vorübergehen lasse. Da ist die Leere, die sich manchmal auftut, wenn ich auf mich gestellt bin und Entscheidungen nur von meinen eigenen Bedürfnissen abhängen. Oder die Freude der Begegnung, die sich manchmal wie ein Schock anfühlt und tieferen Kontakt verhindert. Dabei mangelt es mir nicht an Selbstbewusstsein. Das Gefühl geht tiefer: Es ist das Gefühl von Nicht-Zugehörigkeit, vielleicht sogar von Nicht-Berechtigtsein. Die Angst, Raum einzunehmen, vor allem auf unbekanntem Terrain.

Es tut gut, es zu benennen. Denn wie so viele Gespenster scheut dieses Gefühl das Tageslicht; jetzt, wo ich darüber schreibe, beginnt es sich schon aufzulösen. Was natürlich auch mit dem Prozess zu tun hat, der diesem Text voranging.

 

Es hilft, den Fuß auf unbekanntes Land zu setzen

Ich bin berechtigt, hier zu sein. Jemand hat mich mit diesem Stipendium ausgezeichnet und in meinen Texten gelesen, dass ich es verdiene. Und fand nichts "Unberechtigtes" daran, dass ich während des Schreibstipendiums auch biografisches Material poetisch aufarbeiten wollte.

Nun lebe ich den Traum, Vollzeit-Schriftstellerin zu sein. Ich darf stundenlang in einem Café sitzen und über mich selbst schreiben. Das mag nicht gesellschaftsrelevant sein, doch für mich persönlich sehr bedeutsam. Und es lehrt mich wieder etwas über (biografisches) Schreiben. Ich bin berechtigt, hier zu sein - mitten in Europa. Ich kann überall hinreisen, in alte und neue, in eigene und fremde Heimaten und selbstverständlich auch in meine Phantasiewelten.

Dabei bin ich nicht auf der Durchreise. Ich komme an, und ich werde wieder nach Hause fahren. Dazwischen BIN ich. Hier. Und mache Erfahrungen, die in die Substanz meiner literarischen Arbeit einfließen werden. Mein Schreiben ist eine zuverlässige Heimat, eine geografisch unabhängige Wurzel auf dem Kompost meiner Herkunft.

 

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So

22

Mai

2016

Am Mecsek-Gebirge

Und ich befürchtete schon, ich brauche sie gar nicht: Die mitgebrachten Trekkingstiefel und die Wanderkarte aus dem örtlichen Tourismusbüro. Doch der Fernsehturm nördlich von Pécs lockt unübersehbar, beim Durchstreifen der Stadt taucht er immer wieder unvermutet im Hintergrund auf oder hüllt sich geheimnisvoll in Nebel. Und heute zog ich endlich los, bei stabilem Sonnenschein und sommerlichen Temperaturen. Die erste Etappe auf den Havihegy brachte mich ganz schön ins Schnaufen und Schwitzen - man kann eben nicht ungestraft drei Wochen lang hauptsächlich schreiben und nur zum Besichtigen und Kaffeetrinken vor die Tür gehen :-) Doch bei der tollen Aussicht vergaß ich die mangelnde Kondition, und unterhalb der Kapelle Maria Schnee legte ich eine Teepause ein und genoss den Blick über die Stadt. Nachdem ich noch einen Blick in das Innere der Kapelle geworfen hatte, ging ich weiter zum Tettye-Platz mit den Ruinen eines bischöflichen Sommerpalastes. Rund um die Parkanlage gruppieren sich Biergärten, Restaurants und ein Arboretum, d.h. ein botanischer Garten, der überwiegend mit Gehölzen bestückt ist. Ich habe diesen außergewöhnlichen Park auch schon besucht - allerdings vertrieb mich an diesem Tag ein Gewitter vom Berg. Heute war die wichtigste Einrichtung am Tettye tér aber der Tom-Laden. Diese Tante-Emma-Läden gibt es hier an jeder Straßenecke und sie haben fast immer geöffnet, wenn man sie braucht. Ich kaufte mir also eine Flasche Wasser und ein Mohnhörnchen und fand den Einstieg zu einem schönen, schattigen Wanderweg - bald deckten sich auch die Markierungen mit meinem Kartenmaterial (gelber Balken) und ich gelangte zum Dömörkapu bzw. zu einem großen Parkplatz. Zum einen befindet sich hier die "Bergstation" der kleinen Mecsek-Waldbahn, deren Schmalspurgleis zum Zoo hinunterführt, der - wie ich gerade erfahren habe - nach zweijähriger Umbaupause erst dieses Wochenende wiedereröffnet wurde.

Statt in die Bahn zu steigen, machte ich einen Abstecher zum Rastplatz Flóra. Allerorten brannten schon gemütliche Lagerfeuer und am Hang hoch über dem Tal lagerten zwei Mountainbiker wie im schönsten Tourismusprospekt. Die Anhöhe bietet nämlich einen wunderbaren Ausblick auf die Landschaft nördlich von Pécs - endlose grüne Bergrücken und stillgelegter Tagebau. Und dann folgte ich wieder dem gelben Balken bis zum Fernsehturm auf der Misinahöhe. Der Turm ist etwa so alt wie ich und das höchste Gebäude Ungarns, so steht es im Aufzug zu lesen. Ob das noch aktuell ist, weiß ich nicht - die Aussichtsplattform befindet sich gut 80 Meter über dem Boden, also hoch genug ... aber seht selbst. Genau: die Bilder dieses Tages sprechen für sich. Für den Rückweg suchte ich mir eine etwas kürzere Strecke aus (vom Fernsehturm mehr oder weniger geradeaus bergab), kam beim Französischen Denkmal heraus und schlug dann doch noch einen Haken zurück zum Tettyepark, wo ich den Abend auf der Terrasse eines Weinlokals ausklingen ließ. Mit Blick auf den Felsen am Havihegy und das krasse Kruzifix von Sándor Rétfalvi.

Auf dem Heimweg verfiel ich in Melancholie: Das intensive Licht, das endlose Blau des Himmels, die Rosen an den goldenen Fassaden - und das Bewusstsein, dass sich bald die Schatten in den sonntagsstillen Gassen ausbreiten ... ein Glück, dass es Frühsommer ist und uns noch viele, längere Tage bevorstehen.

 

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So

15

Mai

2016

Vasarely


zwei schnobernde Schnauzen
zärtlich ineinandergeschnuffelte Ohrentiere
ich schreibe von Bildern ab
Zebrastreifen auf der Netzhaut

Claire: rote Wäscheklammer
schwarze Leinen
ein Rehblatt eine Streichelhand
Miss Europa im roten Kleid
haltet zusammen ihr Städte
ein Dolch und ein Ziegelherz
für das Bauhaus
ein Kohlkopf ein Mantelkragen
rote Lippen Zwiebelturm
Blumenblasenpatchwork
Briefmarkentapetensonnenscheindomtürme
Wolfspelz und Tütchenhütchen Hütchenkleider
Pfeile und hiergehtslang
eine U-Bahn ein leuchtender Raum
Jean Pierre Yvaral
ein All voller Klötzchen eine Klötzchenbrust
Stacheletagen und der Korridor
eines Raumschiffs
ein Stelenmeer vor dem Wabenhorizont
Lichtpunkte fernes Gleißen
aus wenigen Flächen die Wiedererkennung
der Präsidenten
Victor: square by square
wie sie aus der Reihe tanzen
geschnittenes Rund
das Große im Kleinen
die Diarähmchen verkehrt
ein Tischknauf ein Mäusemund
Kathedralen und lila
Schwarzweißmusik
ein Hochhaus ein Schaltplan
Verwerfung im Stadtgefüge
Gedankenblasen Formengedränge
ein scharfes Messer brauchst du
der Wind an den Museumsfenstern
verheddert in hölzernen Lamellen
Silberrinde Antennenorgel
Fischgrätparkettboden passend zur Kunst
ein Farbenklangraum
Spinnen spannen Netze
zwischen Wolkenkratzern
ein Schlüsselloch in der Zeit
Aztekenzeichen gestörte Strömung
Schallwellen ein Brustpanzer
alles steht Kopf und Bauch
Fenster Linse und Augapfelkern
geschmückte Kolben Relief
Raum-Zeit-Verzerrung
Laufmaschenmuster
kreisen strudeln tauchen
an-ecken
ein Zauberwürfelspielteppich
gefrorenes Glas
verschoben verwechselt
bunte Lichter bunte Schatten
ein Dämmern Verbleichen
Silbertaler im Wortgewand
eine Welt ein Spiegel der anderen
leuchtende Monitore
und wenn du dich anschleichst
kannst du die Räume
im Dunkeln sehen

Vasarely Múzeum Pécs

 

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Fr

13

Mai

2016

Neue Schätze aus Pécs

Heute mache ich blau, lasse mich treiben. Es beginnt mit einigen längst fälligen Erledigungen. Zuerst zur Post - nicht zu irgendeiner Postfiliale, sondern zum Zentralen Postamt in der Jókaistraße; 1902-04 im eklektischen Stil erbaut (das bedeutet eigentlich nichts anderes als Stilmix, hier vor allem Jugendstil und ein bisschen Renaissance) und mit Keramik aus der Zsolnay-Fabrik geschmückt. Manche Reiseführer sprechen gar von einem Postpalast. Ich nähere mich durch die Citromstraße und von dort kann ich die Größe des Baukörpers und das herrliche emaillierte Dach gut erkennen. Es ist einer dieser Momente, in denen ich lieber genießen als fotografieren möchte, und so kann ich hier tatsächlich kein Bild anbieten. Das möchte ich noch nachholen ... einstweilen könnt ihr hier einen Eindruck vom Postpalast gewinnen.

Nach einer kleinen Zeitreise durch die Postgeschichte im Eingangsbereich stolpere ich fast automatisch in die große Schalterhalle neben dem Automaten, wo man eine Nummer ziehen muss. Ich habe die Auswahl zwischen ungefähr zehn verschiedenartigen Anliegen, allein: bis auf Western Union verstehe ich nichts. Auch die Vokabel belyég aus dem Onlinewörterbuch ist auf dem Display nicht zu finden. Zum Glück erfahre ich von einer jungen Frau, dass Briefmarken in dem kleinen Shop nebenan erhältlich sind. Auch dort eine lange Schlange und also für mich genügend Zeit, mir ein paar Begriffe aus dem Reisewörterbuch zurecht zu klauben. Die Dame am Schalter wirkt leicht genervt und beherrscht in etwa so gut Englisch wie eine durchschnittliche bayerische Postagenturangestellte wahrscheinlich auch. Erschwerend kommt hinzu, dass ich nur fünf Postkarten kaufe, dazu aber zehn Briefmarken will! Die Dame vergewissert sich mit Hilfe ihrer zehn Finger über meinen Wunsch und so kommen wir glücklich ins Geschäft. Nach den Luftpostaufklebern wage ich mich trotzdem nicht mehr zu erkundigen.

Wie einfach dagegen läuft es am Bahnhof, wo ich an einem Schalter für internationale Tickets die noch fehlende Reservierung Kelenföld-Linz für die Rückfahrt kaufen kann. Beeindruckend auch die öffentliche Toilette: Eine vergnügte Rezeptionistin stempelt einen Zettel von der Größe eines halben Klopapierblattes - die Quittung für die 120 Forint Benutzungsgebühr - und weist mir einen Platz auf der sauberen, modernen Toilette an (bzw. die richtige Tür dorthin).

Anschließend würdige ich die Schönheit des Bahnhofs sowie die österreichischen Durchsagen und sehe mich dann noch auf dem Bahnhofsvorplatz bei den Bussen um. Am westlichen Ende befindet sich ein Kleinod mutmaßlich sozialistischer Baukunst (man beachte auch die farbliche Abstimmung der Busse), in dem ich nach einigem Suchen den (kostenlosen) Linienplan bekomme. Eine weitere kompetente Bahnmitarbeiterin gibt mir den Tipp.

Und dann verliebe ich mich tatsächlich ein bisschen in die Gegend um den Bahnhof. Über die Busse hinweg sind der Fernsehturm und die Hänge des Mecsek-Gebirges besonders gut zu sehen, und in den Seitenstraßen zwischen den Magistralen gibt es stattliche Häuser mit viel Grün drumherum; über einem Balkongeländer hängen Teppiche und darauf hat es sich eine Katze bequem gemacht. Und die Szabadság u., die in Richtung westliche Altstadt führt, weist zwar alle Merkmale einer Bahnhofsstraße auf - blinkende Lichter, Telefonläden, Schnellimbiss - , trotzdem lässt es sich dort gemächlich schlendern.

Und dann gibt es da noch den Paprika és Böllerbolt, der mir auf dem Hinweg schon aufgefallen ist - wegen der Namensähnlichkeit zum Böller Altstadtmarkt in Regensburg :-) Der Laden in Pécs ist ein Paradies voller Gewürze, Tee und Teigwaren; Messer, Bindfäden und Bolzenschussgeräte gibt es auch und daneben hängen Würste. Die sehr nette Frau dort berät mich mit Hilfe weniger, aber ausreichender gemeinsamer Schlüsselbegriffe - immerhin weiß ich inzwischen, was Thymian heißt, und identifziere den Erkältungstee (den seht ihr im Titelbild). Sicherheitshalber huste ich der jungen Frau noch etwas vor und sie bestätigt lachend meine Wahl. Auch das Onlinewörterbuch muss wieder einmal herhalten, manche Kräuter erkenne ich auch am Aussehen. Dann kaufe ich noch ein paar Gewürzmischungen, extrascharfen Chili und natürlich süßen Paprika (diesen Ausdruck kennt die Händlerin auf deutsch).

Am liebsten hätte ich gefragt, ob ich von all dem noch ein Foto machen darf, doch da betritt schon eine ältere, liebenswürdig aussehende Dame den Laden. Deshalb lasse ich es gut sein und ziehe mit meinem Tee- und Gewürzpäckchen, vorbei am Naturwissenschaftlichen Museum und mit einem Zwischenstopp im Kaffeehaus Next step coffee (hier schmeckt mir der Kaffee bis jetzt am besten), zur Türbe des Idris Baba aus dem 16. Jahrhundert. Eine Türbe ist ein muslimisches Mausoleum und Idris Baba soll ein Kräuterkundiger gewesen sein, genau wie meine freundliche Teehändlerin. Anschließend treibt mich ein scharfer Wind zurück in die Altstadt, und ich nehme endlich die Museumsstraße bewusst wahr, die ich bei meinen bisherigen Stadtspaziergängen irgendwie immer ausgelassen habe - dabei zählen die Museen rund um die Káptalan u. (Kapitelgasse) zu den Hauptsehenswürdigkeiten der Stadt und sind kaum zu übersehen: Die Kunstmuseen Csontváry Museum, das Vasarely Museum und das Zsolnay Museum bilden mit weiteren Ausstellungshäusern der Stadt  das Janus Pannonius Múzeum. Das eine oder andere davon werde ich mir sicher ansehen - allein oder zusammen mit meinem Besuch aus Regensburg, der sich für Ende Mai angekündigt hat.

Und weil dieser Tag wirklich kräftezehrend war, kehre ich anschließend noch in dem Döner-Restaurant Jam ein - danke für den Tipp, Károly :-)

Und wenn sich das hier langsam wieder liest wie ein Gastroführer: Das Kulinarische gehört zur Kultur, oder etwa nicht? :-)

 

 

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Mi

11

Mai

2016

Gewitter über der Moschee des Jakovali Hassan

 

freundliche Formen

 ein Zeugnis der Osmanen

auf quadratischem Grund

alle Seiten gleich lang

ihre Fenster werfen

ein mildes Licht auf mich

zwischen den Teppichen

die Hände im Schoß gefaltet

wie zum Gebet

bin ich geschützt

vor Regen, Blitz und Donner

unter dem Dach

des Pascha 

 

 

Pécs, 5. Mai 2016

 Jakovali Hassan Moschee

 

 

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Di

10

Mai

2016

Spracherkundungen

 

Wie kommt man in der Fremde zurecht, wenn man die Sprache nicht versteht? Die Situation macht demütig gegenüber der Lage von Flüchtlingen, die nicht freiwillig reisen wie ich. Immerhin teilt meine Muttersprache mit dem Ungarischen das Alphabet. Nur manche Laute werden mit ein oder zwei nahezu halsbrecherisch schiefen Strichen gedehnt.

Zumindest versuche ich auf Ungarisch zu danken und zu grüßen. Der Rest funktioniert auf Englisch, Pantomimisch oder durch konkludentes Handeln. Zum Beispiel im Gemüseladen: Ein Jó napot! schmettern, Gemüse einsammeln und auf die Theke legen; ein kleines Stückchen Thermopapier sagt mir, was ich schuldig bin: Köszi, lieber Gott und Allah, für die arabischen Ziffern! Denn Zählen und Beten, das lernt man in einer Fremdsprache nie so richtig - das erklärte mir meine ungarische Nachbarin (mit einem lediglich klitzekleinen Akzent) in dem niederbayerischen Dorf, in dem ich aufgewachsen bin. Hätte ich damals nur besser aufgepasst, als sie ihren Kindern Ungarisch beibrachte. So kann ich heute, bis auf den vertrauten Klang der fremden Worte, kaum auf etwas zurückgreifen. Trotzdem gibt es Tricks und Hilfen: In der Filiale einer deutschen Drogeriemarktkette treffe ich auf wohlbekannte Produkte. Das stelle man sich in deutschen Supermärkten vor: Shampoo, Tee oder Slipeinlagen beschriftet auf, sagen wir mal, Arabisch. Und nur manches davon mit einem verschämten Aufkleber auf der Rückseite eingedeutscht. Vieles ist selbsterklärend, aber wer möchte schon die Rasiercreme mit der Zahnpasta verwechseln?

Ungarn ist kein Einzelfall. Schon beim Auslandssemester in Dänemark lernte ich, dass dort viele Fachbücher nur auf Deutsch oder Englisch verfügbar sind und Kinofilme für Erwachsene meist nur untertitelt werden. Vielerorts drängelt sich die deutsche Sprache einfach vor.
Auf diese Weise fand ich auch den Thymiantee gegen meinen Husten. Auf ungarisch heißt der Thymian übrigens kakukkfű - wer hätte das gedacht? Versteckte Hinweise dagegen gibt der Spitzwegerich, Lándzsás útifű. Lándzsá wie Lanze, und das Wort útifű kann eigentlich nur mit utca (Straße) verwandt sein, das mir hier überall begegnet. Trotzdem kam ich eher wegen der Aufmachung der Schachtel zu meinem Hustensirup - botanische Kenntnisse sind in fremden Umgebungen auch sehr hilfreich! Und trotzdem verbrachte ich noch geraume Weile mit dem Online-Wörterbuch vor dem Regal mit den Erkältungsmitteln. Warum mir das Smartphone ausgerechnet in diesem Moment den Internet-Zugang verweigerte, beibt rätselhaft. Und ich ahne: ernsthaft krank sein in der Fremde, dabei würde ich mich richtig hilflos fühlen. So aber kann ich ganz entspannt meine Spracherkundungen betreiben.

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Sa

07

Mai

2016

Zu Hause in Europa

Seit einer Woche schwebe ich hier in meiner eigenen Welt, einer Welt des deutschsprachigen Schreibens einerseits und der Begegnung mit Südungarn andererseits. Für aktuelle Informationen über das Land bin ich mangels Sprachkenntnissen auf deutsche Medien angewiesen, und natürlich interessiert mich auch, was zu Hause vor sich geht. Zu Hause? Damit meine ich natürlich Deutschland. Bayern. Regensburg. Aber irgendwie bin ich auch hier in Pécs zu Hause - hier in Europa. Und in meinem Heimatland Europa ist zur Zeit so einiges los. Eine ehemalige deutsche Ministerin namens Margot Honecker ist in Chile gestorben, und in London wurde ein muslimischer Bürgermeister gewählt, ein Einwandererkind aus Pakistan.

Auch meine Eltern waren gewissermaßen Zuwanderer. Dabei weiß ich nie so genau, wie ich ihr Geburtsland nennen soll. Die Behörden scheinen es auch nicht zu wissen: In der Sterbeurkunde meines Vaters ist als Geburtsort Polen angegeben, bei meiner Mutter Schlesien. Und je nach Definition habe ich mal Migrationshintergrund, mal keinen.

Was hat das nun mit Ungarn zu tun? Auf den ersten Blick nicht viel. Doch Ungarn war das Land, in dem der Eiserne Vorhang löchrig wurde - was letztlich dazu führte, dass meine Verwandten aus Sachsen näher gerückt sind. Letztes Jahr dann die Wanderung von Regensburg nach Pilsen: Grenzüberschreitend, in zehn Etappen, Seite an Seite mit deutschen und tschechischen Autoren und Autorinnen. Und die Geburtsstadt meiner Mutter ist Europäische Kulturhauptstadt 2016.

Dass ich heute so einfach in den einstigen "Ostblock" reisen kann, ist eine beglückende Erfahrung. Andersherum gilt das sicher auch, aber ich ahne, dass die unterschiedlichen Preisniveaus eine empfindliche Schranke sind, während ich hier sehr gut mit meinem Bugdet auskomme.

Aber auch mir ist der Luxus nicht in die Wiege gelegt: Ich wuchs auf einem Bauernhof auf, ohne Zentralheizung, in zugig-feuchten Gemäuern mit schiefem Dach und abbröckelndem Putz. So manche Straße in Pécs - vor allem außerhalb der historischen Stadtmauern - erinnert mich daran, dass es das auch heute noch gibt. Pécs ist bei Weitem nicht so durchsaniert und saturiert, wie mir Regensburgs Altstadt inzwischen erscheint.

Hier in Pécs erzählen die Gehsteige in mehreren Schichten von ihrem Werdegang, Randsteine sitzen schief oder fallen aus wie alte Zähne. Und Straßengrün kann auch heißen: Löwenzahn und Klee, der aus rissigen Teerdecken sprießt.

Auch auf diesen Straßen fahren Autos und die Passanten sehen aus wie du und ich - und schon an der nächsten Straßenecke kann ein Café auf dich warten, in dem das Brühen von Kaffee in höchster Vollendung zelebriert wird. Verschiedene Zubereitungstechniken und Röstungen inklusive. Ich wage zu behaupten: Das fehlt uns in Regensburg in dieser Feinheit.

Je länger ich schreibe, desto mehr Gegensätze drängen sich auf; zwischen meiner eigenen Gewohnheit, die Welt wahrzunehmen und dieser fremden, schönen Stadt, die auch in sich so viel Verschiedenes vereint. Das ist ja auch der Zweck des Reisens: Dass mein Horizont sich weitet und ich ein Stück mehr von diesem Europa kennenlerne, in dem ich zu Hause bin.

 

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Do

05

Mai

2016

Perlenfunde

 

das Öffnen und Schließen

der Plätze

wie die Schalen einer Muschel

meine Augen ihr Ligament

der Fuß stößt sich ab

und ich schwimme

im fremden Sprachraum

zwischen den Kiemen

Wörterperlen

verborgenen Sinnes

und schön

 

 

Pécs, 3. Mai 2016

Kossuth tér

 

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Mi

04

Mai

2016

In- und außerhalb der Stadtmauern von Pécs

Oft habe ich aus Sehnsucht geschrieben, aus dem Gefühl eines Mangels. Doch wie man sieht, mangelt es mir hier an nichts, und Fernweh steht auch nicht zur Verfügung. Ich muss mir also andere Inspirationen suchen - davon gibt es zum Glück mehr als genug. Heute wagte ich mich zum ersten Mal durch die Stadttore, erklomm den Kalvarienberg und erkundete die weniger aufgemotzten Straßen und Gassen. Da waren natürlich die prächtigen Fassaden, aber auch der Boden erzählt so seine Geschichten - in Schichten sozusagen. Und jetzt lasse ich auch schon die Bilder sprechen ...

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Mo

02

Mai

2016

Ankunft in Pécs

Nun bin ich also hier. In Pécs. Weit im Südosten - von zu Hause aus gesehen. Gute zehn Stunden flog ich im Zug unter tief hängenden Wolken dahin. Beim ersten Zwischenstopp in Linz wehte mir ein kalter Wind um die Ohren, bald darauf sagte ich mein erstes ungarisches Wort: Köszönöm. So bedankte ich mich bei der Ungarin, die wirkte, als hätte sie mir persönlich den reservierten Sitzplatz freigehalten, während ich mich geduldig durch Rentnergruppen und Kofferberge kämpfte. Und ich war stolz, zumindest dieses eine Wort schon mal erfolgreich angewendet zu haben! In Budapest-Kelenföld sah der Himmel ähnlich aus wie in Linz, aber die Luft war mild und frühlingswarm, und ich saß vor (oder hinter?) dem Bahnhof auf einer Bank.

Den ganzen Tag über schaute ich aus dem Fenster und hing meinen Gedanken nach. Nur einmal vertiefte ich mich kurz in ein Buch. Als ich wieder aufsah, waren die Fensterscheiben nass. Dunkelgrau trommelte der Regen auf das Zugdach, während der Zug in Dombóvár geteilt wurde. Ein ein angenehmer Wind wehte herein und milderte die erkältungsbedingte Hustenattacke. Die Bahnbediensteten draußen in leuchtendem Orange, die Kapuzen bis knapp über die Augen gezogen. Ankunft in Pécs kurz vor acht Uhr abends, es war schon fast dunkel. Wie schön, dass ich von meinen freundlichen Gastgebern abgeholt wurde: Károly und Enikő organisieren seit bald zehn Jahren ehrenamtlich das Pécs Writers Program. Beide sprechen sehr gut deutsch, was mir den Start natürlich enorm erleichtert. Eine kurze Fahrt im Auto, ein paar erklärende Worte, und die Wohnung gehörte mir. Ich kochte Erkältungstee, packte ein wenig aus und legte mich schlafen, das stetige Tropfen des Regens vor den Balkontüren.

Heute frühes Erwachen zum gleichen Geräusch. Wieder Teekochen und erstaunlich wenig Lust, rauszugehen. Dabei mag ich den Regen! Und natürlich war ich neugierig auf die Stadt. Doch die Erkältung bremste mich, und ich war einfach nur froh, nach der Hektik vor der Abreise endlich durchatmen zu können und keine bestimmten Pflichten zu haben. Doch das Klopapier war aus und so duldete der erste Einkauf keinen langen Aufschub. Ich brauchte nur einmal um die Ecke zu biegen, und schon stand ich mitten in der Altstadt auf der Kiraly utca. Über Sprachbarrieren hätte ich mir keine Sorgen zu machen brauchen: Das Sortiment im Drogeriemarkt bot einen vertrauten Anblick, und die Verkäuferin war sehr nett zu mir. Dabei hatte ich nur wenige ungarische Silben auf der Zunge und wusste oft nicht mal, ob und wie sie auszusprechen waren - wenn sie mir nicht ohnehin im Hals stecken blieben, weil mir die Erkältung mir auf die Stimme geschlagen hatte.

Auch im Gemüseladen kam ich gut zurecht. Der Anblick von Tomaten ist selbsterklärend und das Wort Paradicsom eigentlich auch. Nur die Währung ist gewöhnungsbedürftig: 1,50 Euro sind ungefähr 400 Forint ... Dafür gibt es zum Beispiel einen Cappuccino, der auch hier so heißt (wie praktisch).

Nach dem erfolgreichen Einkauf richtete ich mich endgültig an meinem kleinen Schreibtisch ein. Die nicht benötigte Tastaturschublade fasst die Laptophülle und den Keksteller, es gibt WLAN und genügend Steckdosen - und es ist wunderbar still und hell hier im Hinterhaus.

Womit beginnen? Schließlich bin ich zum Schreiben hier und nicht etwa aus touristischen Motiven. Ich schrieb meine Aufgaben auf kleine Klebezettel - Blogartikel schreiben, Altes Überarbeiten und Neues dichten - und heftete sie an die Innenwand meines Schreibtisches. Als erstes öffnete ich ein älteres Manuskript.

Und dann kam der neue Duschvorhang: Weiß und fein strukturiert wie ein Brautschleier wird er fortan verhindern, dass ich beim Duschen das Bad flute - ein willkommenes Accessoire. Das Anbringen freilich war mit einer gewissen Geräuschkulisse verbunden und anschließend ging es in der Nachbarwohnung weiter. Für mich das Signal zum Aufbruch: Ich wollte ja sowieso noch einmal in die Stadt. Also raus in den warmen Regen, vorbei an Cafés (eines zu betreten konnte ich mich noch nicht entschließen) bis zum Széchenyi Tér, der von der Moschee Gazi Khassim dominiert wird. Von dort aus weiter zur Kathedrale, während der Regen zuverlässig eine heimelige, verwunschene Stimmung über die Stadt legte.

Als es aufklarte, ging ich ins Café Fragola und trank zwei Cappuccino. Dabei schrieb ich sogar ein Gedicht. Es ist noch nicht so ausgegoren, dass ich es hier präsentieren möchte. Nur so viel: Es kommen Kastanien darin vor. Mächtige, prächtige Schutzbäume, grüngetränkt und mit weißen und rosafarbenen Blüten.

Der Anfang ist gemacht!

 

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Fr

29

Apr

2016

Auf nach Transdanubien

Firmen und Organisationen haben auf ihrem Internetauftritt meist eine Seite mit Antworten zu den häufigsten Fragen Ihrer Kunden, oder - zu neudeutsch - den "Frequently Asked Questions" (FAQ). Die Bahn zum Beispiel oder die Deutsche Rentenversicherung. Aber auch vor einer längeren Reise kann sich eine FAQ-Seite lohnen: Plötzlich wollen erfreulich viele liebe Menschen mit mir noch einen "letzten" Kaffee trinken, beglücken mich mit kleinen Abschiedsgeschenken und wünschen mir eine schöne Zeit. Und natürlich wollen alle wissen, wie das jetzt so abläuft mit Pécs und mir. Hier die Antworten zu den meistgestellten Fragen:

 

  • Ich fahre am Sonntag (1. Mai) um 9:27 Uhr - mit der Bahn nach Pécs in Südungarn (Wikipedia nennt die Region auch Südtransdanubien ...), nahe der kroatischen Grenze. Das dauert rund 10 Stunden und kostet mich 75 Euro hin und zurück. Ich steige jeweils zweimal um: in Linz und in Kelenföld (bei Budapest). Mein Dornröschen bleibt in seiner Garage und übers Fliegen habe ich gar nicht erst nachgedacht. Ich. liebe. nämlich. Bahnfahren. Und ich habe eine groooße Reisetasche und viel Lektüre für unterwegs.
  • Mein Stipendium heißt Internationales Stipendium Oberpfälzer Künstlerhaus im Pécs Writers Program. Danke hier nochmal dafür!
  • Vor Ort gibt es einen engagierten Ansprechpartner für das Pécs Writers Program, der mich bereits nach meiner Ankunftszeit gefragt hat - alles Weitere wird sich weisen.
  • Ich darf in einem Ein-Zimmer-Appartement in Zentrumsnähe wohnen. Andere Gast-Künstler residieren dort nicht.
  • Meine einzige offizielle Verpflichtung ist es bisher, etwas zum Blog des Pécs Writers Program beizutragen.
  • Und, wie ich dem Facebook-Auftritt entnehmen konnte, steht wohl regelmäßig ein Besuch beim Bürgermeister Zsolt Páva auf dem Programm - spannend!
  • Das Wichtigste am Schluss: Ich werde schreiben, schreiben, schreiben. Und zwar Gedichte. Weil die Lyrik im Alltag oft zu kurz kommt und ich glaube, dass sie die beste Ausdrucksform für neue Eindrücke ist.
  • Und wenn das nicht klappt? Dann gibt es genug Ideen auf meiner Festplatte ...

 

... und natürlich mein Blog, auf dem ich euch auf dem Laufenden halte!

 

 

 

 

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Do

14

Apr

2016

Abschied vom Trekkingrucksack

Vor bald einem Jahr ging mein gut 20 Jahre alter Trekkingrucksack mit mir auf die letzte große Fahrt: drei Wochen Britrail Ticket in Südengland und Wales. Seit er zerbröselt ist, habe ich mich davor gedrückt, ihn zu ersetzen. Doch am 1. Mai breche ich für vier Wochen nach Südungarn auf: zum Internationalen Stipendium Oberpfälzer Künstlerhaus im Pécs Writers Program. Es musste also ein neuer Großraum-Rucksack her. Oder ein Rollenkoffer. Oder eine Reisetasche. Am liebsten alles zusammen - diese Modelle gibt es zwar, doch sie sind rar und teuer, außerdem ist die Multifunktionalität ein fauler Kompromiss - für eine mehrtägige Hüttentour taugen sie trotz Tragesystem nicht. Es dauerte eine Weile, bis ich mir eingestand: Ich brauche keinen 90-Liter-Rucksack mehr. Nie wieder. Für die paar Meter am Bahnhof oder vom Zug zum Taxi ist ein Trolley praktischer, und man fegt damit auch keine Mitreisenden vom Perron. Also strich ich die Rucksackfunktion von der Anforderungsliste. Doch die Rollenkoffer wirkten spießig, die meisten Reisetaschen zu stylish, zu sportlich oder zu schrill. Schließlich fand ich doch noch eine schöne Tasche auf Rädern: Geradlinig, schwarz und blau. So genanntes "Weichgepäck". Bin ich ein Weichei geworden? Ach was. Der Abschied vom Trekkingrucksack birgt nur so viele andere Abschiede: Abschied von dem wilden Leben, in dem ich nach einer Nacht auf der Isomatte noch ohne die Hilfe einer Physiotherapeutin aufstehen konnte. Und zwar gut erholt. Abschied von den Zeiten, als ich noch am Stück 1.000 Höhenmeter zu Fuß überwinden konnte und anschließend aus Versehen einen Umweg von zwei Stunden ging. Abschied vom Leben mit leichtem, schwerem Gepäck. Aber es muss ja kein vollständiger Abschied sein: Ich habe ja noch den 40-Liter-Rucksack für die kleineren Touren; mehr kann mein Rücken ohnehin nicht tragen. Und der Taschentrolley hat zwei sehr stabile, große Henkel, die man zur Not als Rucksackriemen nutzen kann ...

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So

10

Apr

2016

Es geht nicht um den Autor. Es geht um den Text

Die meisten Menschen beginnen aus Freude mit dem Schreiben. Das kann und soll auch so bleiben. Doch wer professionell schreiben möchte, sollte neben der Leidenschaft auch etwas Leidensfähigkeit mitbringen. Leidenschaft, um bei der Stange zu bleiben. Leidensfähigkeit, weil ein guter Text vor allem durch Überarbeiten entsteht. Und das kann aufwändig und mitunter sogar schmerzhaft sein, wenn lieb gewordene Formulierungen nicht so recht in das Gesamtwerk passen wollen oder stilistisch verbesserungswürdig sind. "Kill your darlings" heißt ein schreibhandwerklicher Grundsatz aus dem angelsächsischen Raum.

 

Gut ist, wenn man versierte Testleser und Testleserinnen zu seinem oder ihrem Freundeskreis zählen darf. Doch nicht jedeR Testleser eignet sich für alles. Der eine kann besser Schwächen im Plot erkennen und benennen (ja, auch das ist wichtig: das Sprechen über Texte erfordert ein gewisses Repertoire). Die andere ist eine gute Stilkritikerin. Ein Schreibprojekt durchläuft verschiedene Phasen und deshalb ist es ratsam, den Rohtext nicht zu früh aus der Hand zu geben - sonst sind die Testleser vor der Zeit verschlissen und man selbst frustriert. Abgesehen davon, dass es wenig Spaß macht, eine Geschichte in unzähligen Versionen wieder und wieder zu lesen: Auch ein noch so aufmerksamer Leser wird die jeweils aktuellere Version nicht mehr völlig unvoreingenommen betrachten und die Wirkung auf die spätere Leserschaft nicht mehr so gut einschätzen können wie zu Beginn.

 

In der Anfangsphase eines Schreibprojektes kann es sinnvoll sein, nur darüber zu sprechen, um sich über den Plot sowie Motive und Charakter der Figuren klar zu werden. Das geht gut mit einem anderen Autor oder in einer Schreibberatung.

 

Erst, wenn man sich Feedback geholt und das Bestmögliche am eigenen Text getan hat, ist ein Lektorat empfehlenswert. Das macht normalerweise der Verlag. Doch um an einen solchen zu kommen, sollte das Manuskript schon vorher optimiert sein. Ideal ist dafür eine Partnerschaft mit einem anderen Autor oder Autorin - um sich gegenseitig zu lektorieren und voneinander zu lernen. Und natürlich gibt es Lektoren, die gegen Honorar arbeiten. Dieses sollte nicht zu niedrig sein - ein Lektorat für Manuskript, das man anschließend wegwerfen oder nochmal bearbeiten muss, ist kein Schnäppchen.

 

Nur eines ist hier fehl am Platze: Falsche Eitelkeit und verletzter Stolz. Denn beim professionellen Schreiben geht es gar nicht um den Autor, die Autorin: Es geht um den Text, der unsere absolute Aufmerksamkeit und Hingabe verdient hat. Getreu dem Leitsatz: Es gibt keine schlechten Texte. Es gibt nur unfertige Texte.

 

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Mo

21

Mär

2016

Ich erinnere mich

von Jo Storm. Minuten-Texte aus der Schreibwerkstatt

Fenster
Blick in den Garten. Vom Bahnhof aus die Rückseite. Züge fahren. Blumen blühen. Es duftet schon nach Mittagessen. Ich halte eine Raupe in der Hand.

Baum
Papa hat einen Kirschbaum geschenkt bekommen. Doch wohin in dem kleinen Reihenhausgarten? Neben der Wäschespinne? Geht doch! Inzwischen blüht er jedes Jahr. Der Baum – nicht die Spinne.

Schuhe
Sie tragen mich durch dick und dünn. Sie sind Schnittstelle zum Weg. Oft misshandelt und wenig gepflegt. Aber geh mal ohne Schuhe den steinigen Weg.

Regen
Ein Landregen an der Adria. Dicke Tropfen platschen auf die Straße. Wir schauen raus. Eine frische Brise umfängt uns.

Abend
Die Sonne senkt sich. Wir sitzen am Balkon und trinken Aperol Spritz. Die Woche ist geschafft. Da laufen Flüchtlinge vorbei. So ist die Welt.

Küche
Omas Küche war phänomenal. Nur klein, aber aus wenigen Zutaten buk sie mit Zauberhand Käsekuchen für alle.

 

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Di

15

Mär

2016

Anleitung zum Dada

Dem hundertjährigen Jubiläum des Dadaismus zu Ehren

 

Mache drei Listen:
1. Fachwörter aus deinem Fachgebiet oder aus dem Bereich deines Hobbys. Oder noch besser: Lass dir von anderen solche Wörter schenken. Es macht nichts, wenn du nicht weißt, was sie bedeuten - z.B. Rüttelflasche, Splintholz, Kanalauskunft.
2. Konkrete Verben, z.B. leben, trinken, schlafen. Sie dürfen ganz gewöhnlich sein.
3. Vorsilben wie ab-, be-, de-, durch-,ent-,ge-,hin-, über-,ver-, weg-, zer-, ge-, ent-, ...

Kombiniere Wörter und Silben. Schreibe einen Text, z.B. eine Anleitung zu irgendetwas oder eine kurze Geschichte. Schaffe kreative Übergänge und verfremde das gefundene Material weiter, z.B. das Splintholz wegschlafen, die Aus- und Einkunft zertrinken. Zur Inspiration empfehle ich das Hörbuch "Lesen gehn..." mit Gedichten von Oskar Pastior -  oder den folgenden Text, der vielleicht nicht ganz dadaistisch ist, aber dafür schön absurd:

 

 

Schlafrausch

Sie hatten einander zugezwungen und das gemeinsame Leben erprostet. Er im Schlafrausch, sie im Negligé. Genossen in hellen Omnibussen. Kein Wagen zu rostig, kein Schienbein zu viel. Hatte er sie getreten zu gehen, allein: Sie blieb. Hinter dem Vorhang, doch unter der Wiese, die kein Golfschlag je zerrieb. Der Labrador entsagte. Blutsinnig und wutend gerieten sie, mit lockigen Schädeln ineinander geschubbert. Die Putzfrau fand nur noch die Krümel im Bett. Lästig und liebreich kletterten sie auf der morschen Leiter des Glücks. Fehlkontrolle, Dateien und Hellebarden waren meliert und gehörten gehasst, zerborstet im Wellenspiel des Liebesguts. Wie Strandpapier schmirgelt deine Wonne, wie Pampelmuse klebt dein Kraut. Wo Sinn, wohin? Kein anderes Tier.

 

(erschienen in: Literaturzeitschrift & radieschen - Heft Nr. 21: Schund und Fund & radieschen)

 

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Fr

04

Mär

2016

Marmeladenmenschen

Als ich ein Kind war, stand in unserem Hof ein riesengroßer Apfelbaum. Seine Früchte waren sauer und holzig. Man konnte sie nicht roh essen, doch meine Mutter verwendete sie als natürliches Geliermittel. Sie war eine hingebungsvolle Marmeladenköchin: aus Brombeeren, Stachelbeeren, roten und schwarzen Johannisbeeren, Erdbeeren und gelben Pflaumen zauberte sie wunderbare Gelees und Marmeladen - selbst dann noch, als es ihr schon nicht mehr gut ging. Als Kind half ich beim Einkochen, später bekam ich die Marmelade bei meinen Besuchen mit auf den Heimweg. Ich wusste: eines Tages würde die letzte Marmelade aufgebraucht sein. Und so kam es auch.

 

Trotzdem ist meine Speisekammer gut gefüllt: Da steht plötzlich zur Marmeladensaison ein bunt gefülltes Glas auf meinem Schreibtisch, oder eine Freundin, die einen Schrebergarten bewirtschaftet, zieht beim Kaffeetrinken lächelnd ein Einmachglas aus ihrer Handtasche. Und selbstverständlich kehre ich von der Reise zu Mutters Cousine mit einer Reisetasche voller Kostbarkeiten zurück.

 

Oft ohne es zu wissen, berühren Menschen immer wieder meine Marmeladenseite - die Stelle, an der meine Mutter fehlt. Nur ganz leise meldet sich dann Traurigkeit. Der Rest ist reine Freude. Und Dankbarkeit, dass es in meinem Leben eine Reihe Marmeladenmenschen gibt.

 

 

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Mo

15

Feb

2016

Schreibspaß im Künstlerhaus

Für Kurzentschlossene und zum Kennenlernen

Das Jahr ist gut gestartet: Nach meinem Umzug vom 1. Stock ins Erdgeschoss habe ich Lust, auch hier im Künstlerhaus Kurse anzubieten - vor allem für die treuen Fans der meiner Schreibwerkstatt an der VHS, denen sonst die Zeit bis zum nächsten Kurs zu lang wird.

Ideal auch für Interessierte, die meine Schreibwerkstatt kennenlernen wollen - denn jeder Abend ist einzeln buchbar.

 

Hier geht es zu den Einzelheiten wie Anmeldung, Kosten, Termine.

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Sa

23

Jan

2016

Worte

 

es gibt Kellerworte

und Dachbodenworte

manche lagern tief

in den Regalen

vor langer Zeit gepflückt

und eingeweckt

Wortkonserven

für sprachlose Zeiten

Worte wie Himbergelee

und Essigkurken

die anderen verstauben

unterm Dach

vergessen

vererbt

von oben herab

dazwischen die Wörter

für den Hausgebrauch

notwendig

praktisch

und gewöhnlich

Wörter, die den Betrieb am Laufen halten

Küchenwörter

unter dem Türstock und

am offenen Kühlschrank gesprochen -

 

und immer noch sammle ich sie

jage sie mit gespitztem Bleistift

Schublade um Schublade öffne ich

breite alles auf dem Boden aus

erwähle und füge sie

herausgeputzt

zurechtgestutzt

zu Sätzen

und poliere

bis sie glänzen

 

Gedichte kennen keinen Abspann

kein making-of und

keine Bonustracks

 

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So

20

Dez

2015

Neue Sachlichkeit im Kunstforum: Texte aus der Schreibwerkstatt (3)

Die japanische Gedichtform des Haiku harmoniert, obwohl wesentlich älteren Ursprungs, vorzüglich mit dem Stil der Neuen Sachlichkeit: Das Haiku ist konkret, fängt einen Augenblick ein und beschreibt (in seiner strengen Auslegung) nur das äußerlich Sichtbare.  Gefühle entstehen aus dem Raum zwischen den Worten. Es eignet sich hervorragend, um die Wirkung in Worte zu fassen, die das Bild auf die Schreiberin hat:

 

 

 

Mundwinkelrote
Farbflecken. Sogar Preise
erhält man dafür.

 

Birgit Honikel

 



Vollbrachtes Tagwerk
Schleppt sich den Hang hinunter
Eiskalte Abenddämmerung

 

Sita Angelika Völkel nach einem Bild von Carlo Mense:

Verschneiter Wald im Riesengebirge, um 1932

 

 

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So

13

Dez

2015

Neue Sachlichkeit im Kunstforum: Texte aus der Schreibwerkstatt (2)

Text von Sita Angelika Völkel nach einem Bild von Otto Dix: Sitzender Akt mit dunklen Haaren, 1930
Text von Sita Angelika Völkel nach einem Bild von Otto Dix: Sitzender Akt mit dunklen Haaren, 1930
Text von Sita Angelika Völkel nach einem Bild von Konrad Felixmüller, Nackte Frau (die Dunkle), 1929
Text von Sita Angelika Völkel nach einem Bild von Konrad Felixmüller, Nackte Frau (die Dunkle), 1929

Otto Dix malte bevorzugt markante Frauen, die nicht dem gängigen Schönheitsideal entsprachen. Zu Ihnen gehörten Wally Gäbler und ein Fräulein Sonnemann.

Fräulein Sonnemanns Modell-Monolog hieß denn auch die Schreibanregung, aus der diese beiden Texte entstanden sind: Was denkt die Frau, während sie dem Meister Modell sitzt, und was empfindet sie beim Betrachten des eigenen Bildnisses? Findet sie sich schön? Fühlt sie sich fremd? Geniert sie sich? Warum hat sie eingewilligt, Modell zu sitzen, und wie denkt sie über Malerei?

 

Sita Angelika Völkel, langjährige Betreiberin der Galerie am Ölberg, hat zwei Bildnisse ausgewählt und sich vortrefflich in die beiden Modelle hineinversetzt. Vielleicht war es wirklich so - oder doch ganz anders?

 

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Fr

11

Dez

2015

Neue Sachlichkeit im Kunstforum: Texte aus der Schreibwerkstatt (1)

Text von Britt Dalen Laux nach einem Bild von Georg Siebert: Eltern und Heimat (Triptychon), 1925
Text von Britt Dalen Laux nach einem Bild von Georg Siebert: Eltern und Heimat (Triptychon), 1925

 

Ende November war es wieder so weit: Ich konnte eine kleine Schreibgruppe im Kunstforum Ostdeutsche Galerie begrüßen. Manche Teilnehmerinnen waren schon zum dritten, vierten Mal dabei, eine andere stieß neu dazu. Diesmal widmeten wir uns der Ausstellung Messerscharf und detailverliebt. Werke der Neuen Sachlichkeit.

 

Die Neue Sachlichkeit fand ihren Niederschlag auch in der Literatur (Werke von Erich Kästner, Mascha Kaléko oder auch Alfred Döblin sind hier einzuordnen). Daran lässt sich anknüpfen. Doch die Bilder sprechen auch für sich: Im Triptychon von Britt Dalen Laux sind Form und Bildinhalt in Text übersetzt.

 

Was die anderen Teilnehmerinnen geschrieben haben? Fortsetzung folgt!

 

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Mo

26

Okt

2015

Die Poesie des gelebten Lebens

Apostolatshaus der Palottiner in Hofstetten bei Falkenstein - Blick aus dem Fenster
Apostolatshaus der Palottiner in Hofstetten bei Falkenstein - Blick aus dem Fenster

 

Was ist kreatives Schreiben? Eine Antwort darauf habe ich hier schon einmal versucht. Normalerweise unterstelle ich beim kreativen Schreiben in der Gruppe, dass das Geschriebene erfunden ist - auch wenn es einen Ich-Erzähler oder Erzählerin gibt. Niemand soll sich rechtfertigen müssen, wie viel Biografisches im eigenen Text steckt. Wir sprechen über den Text und nicht über den Autor, so formulierte es meine Wiener Schreiblehrerin Christa Brauner.

 

Beim Biografischen Schreiben hingegen wecke ich gezielt Erinnerungen an selbst Erlebtes, hier ist schon klar: Wir tauschen uns tatsächlich über unser Leben aus. Manchmal klappt diese Abgrenzung, manchmal auch nicht - und manchmal wäre sie sogar störend. Hier ist Fingerspitzengefühl vonnöten. Vor allem soll niemand das Gefühl haben, beim Schreiben und Vorlesen mehr zu offenbaren, als ihr oder ihm lieb ist.

 

Bei der Kreativen Schreibwerkstatt, die ich am Wochenende für den Katholischen Deutschen Frauenbund anleiten durfte, hielten sich die Frauen nicht lange mit solchen Feinheiten auf. Kreatives Schreiben hieß für sie: Erlebtes aufs Papier bringen, eigene Gedanken, Beobachtungen, Entwicklungen. Familiäres, Gesellschaftliches, Trauriges und Hoffnungsfrohes, Erinnerungen und Bestandsaufnahmen. Sie vertrauten mir und den teils bewusst irritierenden Schreibanregungen, und ich durfte ihnen vertrauen: Alles, was sich zeigte, durfte sein, in einer Atmosphäre der Wertschätzung und des respektvollen Austausches. Schreiben wirkt.

 

Selten habe ich das so gespürt wie an diesem Wochenende im Apostolatshaus der Palottiner. Poesie und literarische Qualität stellten sich wie nebenbei ein; die Texte berührten auf so vielen anderen Ebenen.

 

Die meisten Frauen stehen an der Schwelle "zu einem neuen Leben" (wie es eine von ihnen ausdrückte): Nach dem Berufs- und Familienleben und erfüllten Jahren im Ehrenamt nehmen sie sich nun die Freiheit, ihren eigenen Bedürfnissen nachzugehen. Sich für sich selber Zeit zu nehmen, zum Innehalten und bewussten Schauen: Nach vorne und zurück. Ich spürte die Kraft dieser Frauen, die meisten davon Mütter und Großmütter.

 

Meine eigene Mutter starb heute vor einem Jahr.

 

Das Trauerjahr ist um, und ich habe noch so viel nachzuspüren und einzuordnen. Am traurigsten machen mich die Dinge, die sie nicht leben konnte. Sie forderte so wenig für sich und ging zu früh. Auch in der Frauenschreibwerkstatt war die Rede vom Herbst des Lebens, aber auch von neuem Aufbruch. Am Ende meines Trauerjahres helfen mir diese Geschichten, den Blick auf das Gelebte zu lenken. Auf das was war und nicht auf das, was vielleicht hätte sein können. Die Kraft und Poesie des gelebten Lebens ist stärker.

 

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Fr

18

Sep

2015

Metropölchen

zweiundzwanzig
Schichten über der Stadt
kitzeln Schattentropfen die Fassaden
die Dächer tragen Spuren von Riesen
im Teerpappengranulat
darunter Stein auf Glas auf Stein
die stummen Wände
der Hochfinanzhäuser


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Mo

07

Sep

2015

Frankenstraße, hoher August

ein Flirren von Verkehr und Hitze

36 Grad im Schatten

den es nicht gibt

 und 60 km/h auf dem

 Asphalt

 weiße Streifen, die bei Grün

die Brandung teilen

ohne Gischt

Musik aus beweglichen Innenräumen daneben

Motoren und Rollgeräusche

 scharfe Strahlen kratzen

 an Fassaden und mulchen

den Gehsteigrand

unbeteiligt die Haltestelle

ohne Bus

ohne Fahrgäste

bei Rot

steht die Zelle

im Vakuum

bereit an der einsamsten

aller Straßen

eine Sekunde

 

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Mi

26

Aug

2015

Ein Dorf in Frankfurt: Ginnheim


Es sind nicht meine Erinnerungen, aber ich kann mir gut vorstellen, dass die Fahrt nach Frankfurt-Ginnheim immer schon eine kleine Zeitreise war. Gut zwanzig Minuten mit der Straßenbahn, und man ist nicht mehr in der Bankenmetropole, sondern in einem kleinen beschaulichen Dorf mitten in der Stadt. Das höchste und markanteste Gebäude, das man von hier aus sieht, ist der Ginnheimer Spargel oder auch Europaturm, dessen Spitze nachts magentafarben leuchtet. Ginnheim selbst an einem Freitagnachmittag im August: Eine Feierabend-Oase; köstliche Gerüche und Geschirrgeklapper aus dem Gasthof Adler. Mein Begleiter kennt den kroatisch geführten Gasthof noch aus "seiner" Frankfurter Zeit, und auch das Fahrradhaus Wagner gibt es noch - seit 1929 schon. Vorbei an schief herunter gelassenen Jalousien, die stille Straße hinunter, kurz anhalten und einen Feierabendradler vorbeilassen, an der Kreuzung bei der kleinen Kirche - und wieder bleibt mein Blick an einem öffentlichen Automaten hängen. Diesmal keine Telefonzelle, sondern ein Automat - für was eigentlich? Kleine Figürchen, vielleicht auch Kaugummi. Ein abgerissener Aufkleber, jetzt auf SUPER... was? Das wird für immer ein Geheimnis bleiben. So super sieht der Metallkasten ohnehin nicht mehr aus. Wahrscheinlich hat hier schon lange keiner mehr seine Münzen hineinversenkt in der Hoffnung auf eine kleine Überraschung. Braucht die Welt keine Überraschungen mehr? Ist so ein Jahrmarktvergnügen sinnlos und langweilig geworden? Und warum hängt der Kasten dann noch da? Wahrscheinlich, weil er von der Modernisierung vergessen wurde, so wie auch dieses gemütliche Stadtviertel im wesentlichen immer noch so daliegt wie vor fünfundzwanzig Jahren. Viel Grün, viel Fassade, ein wenig bröckelig. Manches an der Grenze zum Heruntergekommenen, doch die Abendsonne vergoldet alles. Auf einen Apfelwein und Grüne Soße (die in der Innenstadt mittlerweile auch als Salsa Verde deklariert wird) in den Adler. Oder ein Cevapcici.


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Mi

19

Aug

2015

Entschuldigung: Zur Zeit gestört

 

Sie haben Wände aus Glas, eine Tür und dieses grau-magentafarbene Interieur. So ziemlich alles an ihnen ist gerade, im Winkel. Sogar der Hörer. Nur die Tasten sind leicht abgerundet. Hinein geschraubt in diese eckige Abgeschlossenheit: Der klobige Telefonapparat, sein Deckel waagrecht. Eine kleine Konsole, auf die man beim Telefonieren ein Notizbuch auflegen kann, gleich neben die verendeten Insekten. Zweckmäßig ist das. Wer kommuniziert, möchte Informationen erhalten und sie festhalten. Vielleicht aber auch nicht. Ich erinnere mich noch an die Zeit in meiner allerersten Wohnung, ohne Telefon und ohne Handy. Die so genannte fernmündliche Kommunikation erforderte einen Spaziergang zu einer der wenigen Telefonzellen im Ort. Die war damals noch pummelig gelb und wenn man Glück hatte, hob der andere auch ab. Liebesworte wurden ausgetauscht, ein Stelldichein vereinbart. Zumindest aber war es trocken in diesen Zellen und manchmal auch warm; vielleicht auch stickig. Als die ersten Handys aufkamen, sah man manchmal noch Menschen damit in Telefonzellen Zuflucht suchen. Heute sind diese kleinen Wind- und Wetterschutzhäuschen weitgehend aus dem öffentlichen Raum verschwunden; öffentliche Telefone hängen an minimalistischen Stelen unter einem Stummeldach.

Umso überraschender, wenn ich hin und wieder doch auf eine dieser letzten echten Zellen treffe. Ein Exemplar steht beispielsweise hier in Regensburg neben dem Goethe-Gymnasium. Doch in einer Zeit, in der schon Grundschüler von ihren Eltern mittels Handy fernüberwacht werden, ist sie überflüssig geworden. Wahrscheinlich hat noch niemand außer mir bemerkt, dass das Telefon nicht mehr funktioniert. Entschuldigung, zur Zeit gestört, steht auf dem Display zu lesen. Stören tut das wahrscheinlich niemanden.

 

Fr

14

Aug

2015

Texte stark wie Sauerteig: Die Poesie der Fachsprache

Mir wird hin und wieder ein ungewöhnlicher Sprachgebrauch bescheinigt: Worte und Formulierungen, die - aus dem Bauwesen entlehnt und in einen erzählerischen Kontext gebracht - poetisches Potenzial aus ihrer Fremdheit schöpfen. Meist fällt mir das gar nicht auf, bis jemand irritiert oder auch bezaubert reagiert. Ähnlich geht es mir auch mit einem Text, den ich hier gerne vorstellen möchte: Er stammt aus einem Flyer, der neulich meiner Brottüte landete und mir Einblick in die "Backphilosophie" meiner Lieblingsbäckerei verspricht.

 

Authentische Sprache schafft Vertrauen

Da ist die Rede von einer 5stufigen Sauerteigführung: Die einzelnen Teigstufen vom Anstellgut und Anfrischsauer über Grundsauer, Vollsauer und schließlich Teig stellen sich hier unbeeindruckt von meinem backhandwerklichen Laienstatus vor. Aha!, der Teig wird also von kompetenter Hand geführt und nicht etwa sich selbst überlassen, wie ich, die ich gelegentlich schon Brot gebacken habe, mir das vorstelle. Das schafft Vertrauen, genauso wie der Sprachduktus. Zwar kommen die Passivkonstruktionen darin manchmal etwas unhandlich daher, wirken jedoch authentisch: Hier spricht der Meister selbst und nicht etwa irgendein Marketingstratege. Im Textteig sind Mitteilungsbedürfnis (Merke: bei E. besteht das Brot nur aus Mehl, Wasser, Sauerteig und Salz - sonst nichts!) und Leserorientierung harmonisch verknetet. Man erfährt detailreich, wie die Backwaren entstehen, welche Sorten es gibt und warum man sie kaufen sollte.

 

Anschaulich und (un)verständlich?

Und so ganz nebenbei entfaltet die Fachsprache ihre poetische Wirkung: Da ist die Rede von spitzen Säuren und rundem Brotgeschmack - ich weiß nicht, ob das alltägliche Bäckersprache ist, aber die Formulierungen schmecken anschaulich und einleuchtend. Und der Sauerteig ist so gesund und stark wie der Text an seinen besten Stellen: Unser Sauerteig ist immer noch der von meinem Großvater. Die Bäckerei E. kauft niemals Sauerteigkulturen. Leider erfahren wir nichts über den Enkel, der jetzt offenbar die Bäckerei führt und den Sauerteig im Rhythmus des Mondes pflegt. Und von einem freigeschobenen Brot habe ich eine Vorstellung, die freilich unter dem Vorbehalt des Missverständnisses steht. Wir lesen dann noch über Bio-Vollkornbrote und -flocken, Keimsprossen und Butter, und - madre mia! - über die Masa Madre, Rohmaterial für das schwierigste Produkt, das bei uns gebacken wird: die Panettone. Didaktisch einwandfrei, wiederholt der Text am Ende noch einmal die 5 Stufen der Teigführung und knüpft damit an den Zauber der ersten Seite an.

 

Jede(r) von uns spricht eine unverwechselbare Sprache
Und was lernen wir daraus? Jeder und jede von uns spricht eine individuelle Sprache, die sich aus den eigenen Erfahrungen und aus Fachwissen speist. Machen wir uns bewusst, worin sich unser Vokabular und unser Stil von dem anderer Menschen (außerhalb unseres Fachkreises) unterscheidet - zum einen, damit wir unsere Leserschaft nicht mit unverständlichem Fachchinesisch überfordern - zum anderen lässt sich gerade dieses Vokabular als Sprachmaterial für kreatives Schreiben nutzen. Holen wir uns Feedback von außerhalb: Welche Textstellen sind gut verständlich, wo erfährt man Neues auf nachvollziehbare Weise? Was klingt interessant, was bleibt schleierhaft? Welche Begriffe sind unbekannt?

 

Wort-Schätze: Irritation und Bereicherung
In allgemeinverständliche Alltagssprache eingebettet, sorgen diese Wort-Schätze für Irritationen, für Aufmerksamkeit und neue Bilder - nicht nur bei unseren Lesern, sondern auch bei uns selbst. So können originelle Gedichte entstehen oder ausdrucksstarke Prosa abseits abgegriffener Metaphern. Texte, die bewusst von ihren Schreibenden geführt werden und die man nicht einfach nur gehen lässt. Texte stark wie Sauerteig.

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So

09

Aug

2015

Wie die Sommerzeit zur Schreibzeit wird

Die heißen, hellen Tage und warmen Abende ziehen dich nach draußen ans Wasser und in den Schatten. Du bewegst dich nicht mehr als notwendig, und auch geistige Anstrengung fällt jetzt schwer. Etwas schreiben, nur so zum Vergnügen - das ist wohl doch eher was für neblige Herbsttage, denkst du... Oder? Gerade der Sommer zwingt zur Langsamkeit, lädt ein zum Dösen und absichtslosen Dahintreiben. Ideale Bedingungen dafür, dass Kreativität sich zeigen kann - wenn du nur ein wenig offen dafür bist. Hier ein paar Tipps, wie du dich in einen "empfänglichen" Zustand versetzen kannst, der Sommer-Schreibideen sprudeln lässt:

 

Die Trägheit des Sommers nutzen
Die Hitze dringt in die Tiefen deiner Muskeln vor und legt dich beinahe lahm - dann nimm etwas zu trinken, dein Notizbuch und eine Strandmatte, und lege dich unter einen Baum. Schau in den Himmel über dir: Erkennst du Muster in den Blättern? Welche Form haben die Wolken, und ist da vielleicht ein Flugzeug mit Kondensstreifen? Schließe die Augen und spüre die Wärme, das sinnliche Gefühl auf deiner Haut. Lass deine Gedanken schweifen. Träume. Träume von der Sahara, von heißem Sex, von einem Segelboot. Vielleicht erscheint eine Figur, die deine nächste Geschichte tragen kann. Oder dir kommt eine Idee für ein Gedicht. Notiere einige Wörter und Sätze. Später kannst du damit arbeiten.

 

Die Welt (neu) sehen
Bewege dich langsam, der Hitze angemessen. Woran merkst du, dass es Sommer ist? Wie verändert sich deine Umgebung? Neulich fuhr ich zum Beispiel mit dem Fahrrad hinter einem Mann her, den ich als Touristen einordnete - unter anderem wegen seines Schlapphuts und der kurzen Hosen mit den vollgestopften Cargotaschen. Vor allem aber wegen der urlaubsmäßigen Langsamkeit. Seine Art einen Fuß vor den anderen zu setzen war so seltsam, dass ich dachte, er würde sich dabei rückwärts bewegen. Bestimmt kennst du auch solche flüchtigen Begegnungen, bei denen dich etwas irritiert oder belustigt. Das sind Details, die du später einer Figur andichten und mit der du sie einzigartig machen kannst. Jetzt im Sommer besuchen interessante Menschen deine Heimat - oder du bist selbst im Urlaub, in einer fremden, inspirierenden Umgebung. Betrachte die Welt mit forschenden Augen - das geht sogar auf dem Weg zur Arbeit.

 

Südliche Gefühle pflegen
Im Sommer findet viel mehr Leben auf der Straße statt, Biergärten und Caféterrassen haben Hochkonjunktur. Genieße es - verabrede dich einmal mit dir selbst! Breite ein Blatt Papier neben deiner Cappuccinotasse aus, notiere Geräusche und Gesprächsfetzen und schau, was sich in offenen Fenstern tut. Siehst du Gardinen wehen? Oder sind alle Fenster dicht verschlossen? Lehnt sich von Zeit zu Zeit jemand heraus und beobachtet wie du die Straße? Was bewegt sich hier, wie ist die Stimmung? Und wie fühlst du dich selber im Moment? Wenn du in poetische Stimmung kommst, mache eine Liste – und daraus ein Gedicht oder eine kleine Alltagsreflexion.

 

Sommergeräusche
Auch von zu Hause aus kannst du die Welt des Sommers einfangen - du musst nur auf die Geräusche lauschen: Den Schwall von Wasser, der sich abends aus dem Blumenkasten über dir ergießt. Ein bisschen was spritzt auch auf deinen Balkon. Kinder, die bis in die Dämmerung hinein Fußball spielen. Gelächter und Rufe. Die Durchsagen aus dem Freibad, die zu dir herüberklingen und das leise Rascheln der Blätter, wenn endlich ein kühlender Wind aufkommt: All das kann Geschichten in Gang setzen und sie mit Leben erfüllen. Wie der Mann, der so langsam geht, dass er sich rückwärts zu bewegen scheint.

 

Deiner Schreibstimme lauschen
Stimmungen, Geräusche, menschliche Eigenarten: Je öfter es dir gelingt, dir Beobachtungen und Gedanken bewusst zu machen, desto wacher wirst du dafür. Während du versuchst, sie in die richtigen Worte zu fassen, kultivierst du deinen individuellen Blick auf die Welt - und deine eigene Schreibstimme.

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Fr

03

Jul

2015

Stadtamhof

unterwegs nicht
mobil erreichbar
weit entfernt
für Augenblicke
intim mit der Welt
unterm Fenster
aus dem sich
die Mutter beugt
das Kind
unterm Arm
nebenan Gardinen
mein Dorf
in der Stadt
Espresso und Zeit
in kleinen Schlucken

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Mo

22

Jun

2015

Das Mrpmpf

Das ist ein Mrmpf. Es wurde letzten Donnerstagabend in meiner Schreibwerkstatt geboren, mit Hilfe einer Schere und eines Kugelschreibers. Es ist ein Zwitterwesen und wohnt in den Vogesen. Aber nur, weil sich das reimt. Es hat Flügel und Finger und Sehnsucht nach einem guten Freund. Ich denke, in meinem Schreibatelier am Whiteboard ist es gut aufgehoben: Von dort kann es gucken, was beim Schreiben so alles geschieht - und nachts unterhält es sich mit seinem Vorgänger aus einem anderen Kurs, dem Schwapir. Der Schwapir hat ein blaues Fell und schämt sich, weil er aussieht wie eine Kreuzung aus Schwein und Tapir. Deshalb musste er alleine bleiben - bisher.

So

26

Apr

2015

Bregenz-Lindau

fern tauchen Hügel
ins Silbergetüpfel
die Augen diesseits
am Strand bei den nackten
Sohlen auf Kies
wo die Wellen landen

zwischen Blütenperlen führt der Weg
am Wasser entlang
wo gespitzte Segel
den Himmel rammen
bis Dunst entweicht


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Mo

20

Apr

2015

Leben

geradeaus Schwimmen

lernen

auch wenn gerade

keine Bahn frei ist


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Do

26

Mär

2015

Höre auf den Rat der Tulpe

Als ich gestern ins Atelier kam, ließen sich zwei der fröhlichen rot-gelben Tulpen jämmerlich hängen. Offenbar reichten ihre Stängel nicht bis zum Grund der Vase, und das Wasser war knapp geworden. Ich füllte nach und wartete. Eine schien sich schon bald wieder aufzurichten, die andere blieb schlapp. Hatte ich sie umgebracht? Zum Glück nicht: Gestern noch vereinzelt traurig, tragen jetzt alle Tulpen wieder ihre Köpfe hoch. Sie haben mir gezeigt, was sie brauchen, und sich schnell wieder erholt! So einfach ist das. Und ich höre auf den Rat der Tulpe: Zwar geht mir manchmal auch der Saft aus, und ich hänge durch. Doch ich weiß auch, wie ich meine Reserven wieder auffüllen kann. Termine absagen, Schreiben in meinem Lieblingscafé. Oder mich im Schwimmbad an den Massagedüsen suhlen. Und manchmal kaufe ich mir Blumen.

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Mi

11

Mär

2015

Lederergasse

ein grünloser Gassenstrauch

wirft Schatten

um die Ecke

gebogen vom Pflasterwind

ein rauchblauer Blick

weht aus dem Fenster

dahinter ein Klagelied

ein rostbraunes Tor

schweigt neben dem Auto

in parkausweistürkis

VW Polo, alt

rote Schrift im absoluten

Halteverbot

in jeder Zeile

ein Rufzeichen mehr

unterm Scheibenwischer

eine Sonne

die den Morgen in Zonen zerteilt

lichtkalt und dunkelfeucht 

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Mo

16

Feb

2015

Mariaort

das Flussbett der Naab

ist die Schlafstatt der Fische

an der Mündung des Tages

in die Nacht

 

Wolkeninseln fallen

zwischen die Farben

des Himmels und

alles ist tiefer:

 

das Dunkle

das Helle

die Farben

das Grau

 

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Sa

31

Jan

2015

Auf Langlaufschiern durch Regensburg?

Gestern habe ich es auf ungefähr 15 Kilometer gebracht - zu Fuß in Etappen von jeweils 3 Kilometern; früh, mittags, abends. Der Schnee machte mir das Radfahren zu gefährlich und den Bus nehme ich nur im Notfall. Und heute? War ich zum Langlaufen querfeldein an der Donau! Mit einem Abstecher quer durch den kleinen Park voller Glitzerschnee bis an den Weinweg, denn der Badebereich an der Schillerwiese wird ja gerade umgebaut und eine Teilstrecke des Donauradweges ist gesperrt. Beim Langlaufen war ich übrigens nicht die einzige: Bald nach dem Einstieg an der Autobahnbrücke beim Pfaffensteiner Wehr stieß ich auf eine weitere Spur, und einmal hatte ich sogar Gegenverkehr. Trotzdem, das Schilaufen mitten in Regensburg lässt die Leute aufschauen und man kommt ins Gespräch. So bestätigte mir eine Dame, dass sie schon einmal eine gespurte Loipe im Stadtwesten gesehen habe. Und meines Wissens verfügt das Gartenamt auch über ein Spurgerät. Eine kleine Recherche fördert diesen Loipenplan von 2013 zutage, mit Strecken auf den Winzerer Höhen oder von Kareth nach Tremmelhausen. Traumhaft muss das sein! Nur leider ist es selten, dass in Regensburg einmal ausreichend Schnee fällt und dann auch noch liegen bleibt. Heute jedenfalls fing er nach einer Stunde auch schon wieder an zu kleben - Spaß gemacht hat es trotzdem und die neue Langlaufausrüstung ist eingeweiht! Morgen probiere ich es auf den Radlweg zwischen Wenzenbach und Falkenstein - natürlich nur auf einer Teilstrecke dazwischen ;-)

 

An der Donau
An der Donau
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Mo

26

Jan

2015

Über das Schuheputzen

Meine Mutter hat mir das Schuheputzen beigebracht - und ich hasste es. Heute zähle ich es zu meinen wertvolleren lebenspraktischen Fähigkeiten. Schuhe säubern und trocknen lassen; eincremen, wieder trocknen lassen und schließlich glattpolieren. Zumindest dieser letzte Arbeitsgang ist mit einer gewissen Befriedigung verbunden: Es ist wieder mal geschafft, die Schuhe glänzen. Oft genug staune ich dann über die Schönheit meines Schuhwerks. Und wie immer schwindet der Drang, mir Neues zu kaufen: Das Alte war doch klug gewählt, ist haltbar und formschön - so lange es gut gepflegt ist.

Doch was, wenn findige Designer einem einen Strich durch die Rechnung machen? Der allseits in Mode gekommene Vintage-Chick zum Beispiel: Dinge, die wirken, als wären sie in Ehren gealtert. Jeans im Used-Look, Lederjacken die aussehen, als hätten sie schon ein Vierteljahrhundert auf dem brüchigen Buckel, den abgewetzten Ärmeln. Dinge, die einen Charakter vorspiegeln, den sie noch gar nicht erworben haben können.

Wie diese Winterstiefel von Mustang, aus dem winzigen Schuhladen am Fuße der Burgruine in Kallmünz: Faltiges Leder mit einer staubig-verwitterten Oberfläche, das innere Bilder aufsteigen lässt von Cowboys, die tagelang durch menschenleeres Gebiet voranreiten, mit ihren tapferen Pferden durch Flussbetten preschen, dass das Wasser nur so aufspritzt. Mit Stiefeln an den Füßen, die sowohl dem Wasser als auch dem rauen, sandigen Wind trotzen. Stiefel, die abends vor dem Lagerfeuer ausgezogen und getrocknet werden.

Was passiert nun, wenn man diesen Stiefeln mit Wasser, Seife und Schuhcreme zu Leibe rückt? Richtig: Am Ende glänzen sie völlig unromantisch, nur die Falten sind noch da. Bleibt zu hoffen, dass sie durch Gebrauch, Vernachlässigung und Tausalz wieder jene wild-romantische, cowboymäßige Patina annehmen, die ihnen zusteht.


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Fr

09

Jan

2015

Baustelle

Die Gläser sind voll sandigem Staub. Die Zeitung lässt sich nicht mehr umblättern, seit Zement zwischen die Seiten geraten ist. Im Kühlschrank lagern wärmedämmende Ziegel. Das Bett wurde gegen den Dachstuhl getauscht, nachts leuchten die Sterne durch den halbfertigen Kamin. Rohre atmen leise. Wasser rasselt unterm Keller. Maßzeichnungen zieren das Klo. Ein Metermaß für mein Kuchenrezept! Im Ofen simmert Dichtungsschlämme. Dachpfannen geben den Ton an. Eine Wand nach der anderen putzt sich heraus. Das Kranauge sieht alles. Die Säge kreißt und gebiert sieben neue Sägen: Handsäge, Stichsäge, Kreissäge 2, Schattenfugenfräse, Laubsäge, Fuchsschwanz und Motorsäge. Und ewig schweigen die leeren Wälder. Ein Lastwagen kommt zu Besuch. Der Bagger verschläft und kommt erst wieder zu sich, als der Fäustling ihn trifft. Hammer und Meißel geben sich ein Stelldichein. Stahl und Glas verabreden sich zu einem Date. Beton ist Beton, und Schlamm ist Zufall. Zwei Zangen begreifen sich nicht. Stromausfall: Der Zufallsgenerator springt nicht an.

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Mo

29

Dez

2014

Dezember im Herzogspark

grau gähnt der Himmel
über dem schlafenden Garten
und atmet endlos aus
wovon träumen Rosen?

die Hochstämmchen
fest in Jute gewickelt
trotzen sie
dem Jahreslauf
beschnitten
den Schneeschleier im Nacken

ein Eisnadelwind
wiegt Gräser
in den Winter


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Sa

27

Dez

2014

Auf der Höhe

Auf meinem täglichen Spaziergang über die Winzerer Höhen treffe ich den Weltenbummler wieder. Zuvor sind dicke, dunkle Wolken das Donautal hinunter gezogen und haben ein Schneegestöber ausgelöst, in dem sowohl Kareth als auch die Domtürme kurzzeitig verschwanden. Das dünne Weiß vermag die braunen Felder und grünen Wiesen nicht ganz zu bedecken, doch etwas winterlicher ist es nun - endlich. Dann reißt die Wolkendecke wieder auf. Während Teile der Landschaft im Nebel liegen, gleißt bei Mariaort die Sonne auf dem Fluss und der Himmel leuchtet. Von irgendwoher höre ich meinen Namen rufen; auf dem Grillplatz brennt ein lustiges Lagerfeuer. Der Weltenbummler hat im Zelt übernachtet, seine Outdoor-Ausrüstung ist gut in Schuss, nur etwas trockener könnte es sein, aber das Schneetreiben hat dem Weltenbummler und seinem Feuerchen nichts anhaben können. Ein Wintermärchen! meint er nur. Wir plaudern ein wenig, zwischendurch ruft ein Freund aus Bulgarien an, eine Telefonnummer wird notiert und ich verstehe sogar zwei, drei Zahlen, weil sie ähnlich wie im Tschechischen klingen. Nula (okay - das ist nicht schwer :-)) und dva (zwei). Den Freund hat mein Weltenbummler - ebenfalls auf Wanderschaft - bei einer Reise durch seine bulgarische Heimat kennengelernt. Wobei es diese Heimat, die er mir als entrücktes Naturparadies schildert, so nicht mehr zu geben scheint. Hinter den munteren Worten schimmert eine Entwurzelung durch, ausgelöst von politischen und persönlichen Verwerfungen.

Schließlich gesellt sich noch ein Grüppchen Spaziergänger zu uns, drei Erwachsene und zwei Mädchen. Sie haben Punsch dabei und Josef, der Bulgare auf Wanderschaft, teilt Schokolade aus. Als ich zu Hause ankomme, ist es schon fast dunkel, und ich bin froh, dass ich nicht in einem Zelt oben auf den Höhen übernachten muss. Josef will es so. Und er weiß das Alleinsein auf Reisen zu gestalten.

 

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Do

25

Dez

2014

Ferne Häfen

Von den Winzerer Höhen her kommend, spaziere ich über den Fußgängersteg bei Pfaffenstein. Just in diesem Moment schiebt ein Frachtschiff seinen Bug unter der Brücke hindurch, Trapezbleche gleiten einladend nah vorbei. Wie leicht es wäre, jetzt zu springen! Ob sie mich wohl mitfahren ließen?

"If you were James Bond...", sagt plötzlich eine Stimme neben mir.

"... I would have jumped!", vollende ich den Satz vergnügt. "I just thought about it!"

Ich drehe mich nach links und erblicke den Mann, der meine Gedanken erraten hat: Er ist nicht sehr groß und trägt einen stattlichen Rucksack. Aus seinem nicht mehr ganz jungen, dreitagebärtigen Gesicht blicken dunkle Augen, in denen sich die ganze Welt zu spiegeln scheint. Und richtig: Wien, Regensburg, die Bahamas, New York, Chicago und Marbella sind nur einige der Stationen, an denen sich der Sportarzt jeweils für einige Zeit niedergelassen hatte. Das erzählt er mir jetzt in gutem Deutsch mit osteuropäischem Akzent. Wir gehen ein Stück zusammen. Meine eigenen Reiseerfahrungen nehmen sich eher bescheiden aus: Urlaube in Europa, ein Auslandssemester in Dänemark, Sprachferien in Spanien und freundschaftliche Verbindungen nach Österreich und in die Schweiz. Umso lieber mag ich die Reisegeschichten anderer - und den ungewöhnlichen Blick auf uns, die Deutschen. Kaum ein anderes Volk, das so viel wandert, sagt mein Weltenbummler. Das ist doch was! Auch ich bin eine Wandererin. Mit den Füßen und im Herzen. Als Jugendliche wollte ich einmal Binnenschifferin werden, und noch heute packt mich beim Anblick der Containerschiffe manchmal das Fernweh - nach nördlichen Häfen und den Orten, zu denen man von dort aus aufbrechen kann. Inzwischen sind wir auf der Südseite des Wehres angekommen.

"Das nächste Mal springen Sie!", sagt mein Bekannter und zwinkert mir zu. Dann wendet er sich in Richtung Westbad, und ich gehe in der entgegengesetzten Richtung davon.

 

 

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Di

23

Dez

2014

Die Abwesenheit

Es ist die Abwesenheit
Von Schmerz und Fragen
Es ist die Abwesenheit
Von Antwort und Leid
Es ist die Abwesenheit
Von Schwere und Illusionen
Es ist die Abwesenheit
Von Geduld und Hoffnung
Es ist die Abwesenheit
Aller Wünsche und Pflichten
Es ist die Abwesenheit
Von Zittern und Not
Es ist nicht
Was es war

Doch es ist gut

 

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Sa

20

Dez

2014

Wintertour nach Winterthur

Genau vier Jahre ist es her, dass ich für gut einen Monat nach Winterthur reiste, um dort ein Leben als Schriftstellerin auszuprobieren - als Untermieterin in der damaligen WG meiner Freundin und Schreibkollegin Edith Truninger. Es war eine Zeit nur für mich und mein Schreiben - wie ein Künstlerstipendium, das ich mir selbst gewährte. Die kleine Stadt zwischen den sieben Hügeln war mir sofort sympathisch mit ihrer lebhaften bunten Innenstadt und dem verträumten Ortsteil Veltheim, einem ehemals selbständigen Winzerdorf. Mehr als einmal wanderte ich durch die Weinberge und manchmal sah ich in der Ferne auch "echte" Schweizer Berge. Unvergessen das Frühstück mit Edith, bei dem wir unser erstes Schreibseminar entwickelten und ich ein Appenzeller Weizen genoss, was Edith sofort als bayerisches Element an mir identifizierte. Und das Schweizerische? Da war vor allem diese Sprache, die sich mir - selten verständlich - ins Ohr schmiegte, sich meist aber lustig entzog; außerdem meine Spaziergänge, die Einkäufe in der Migros und eine Tee-Verkostung (nachzulesen hier auf meinem alten Blog). Und natürlich das Schreiben: An Ediths Esstisch vollendete ich meinen Roman. Zurück blieben ein ungemein befriedigendes Gefühl und das bis heute unvermarktete Manuskript. Doch ich erinnere mich noch genau daran, wie gut es mir gelang, meinen Tag zu strukturieren: Mehrere Stunden schreiben, rausgehen und Kopf, Herz und Notizbuch mit neuen Eindrücken füllen, Texte überarbeiten und mit meiner Schriftstellerkollegin neue Projekte entwickeln - aus all dem ließ sich ein abwechslungsreicher Arbeitsurlaub gestalten. Vollzeitschriftstellerin bin ich seither nicht geworden - doch ich weiß, dass ich es könnte.

 

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Sa

29

Nov

2014

Staying alive

Why do you eat or drink? To stay alive, would you probably reply. I also need to write in order to stay alive. More precisely, writing helps me to figure out what I am actually doing here on this planet.


Peter Elbow, US-amerikanischer Schreibpädagoge, auf die Frage, was das Schreiben für ihn persönlich bedeute.


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So

16

Nov

2014

Engel frieren nicht

Woraus sind eigentlich Engelsflügel gemacht? Aus Federn wie bei einem Vogel - oder aus einem durchscheinenden, körperlosen Stoff? Sind sie dick und filzig wie ein Lodenjanker, oder bestehen sie eher aus leichtem Funktionsmaterial, aufgespannt auf einem raffinierten Faltmechanismus aus Fiberglasstäben? Und brauchen Engel ihre Flügel, um sich in Arbeitspausen hoch oben in der Stratosphäre zu erwärmen? Doch Engel frieren nicht, denkt Raffael. Wahrscheinlicher ist, dass die Flügel aus einem reißfesten Synthetikstoff gefertigt sind. Der hat bessere Flugeigenschaften und trocknet schneller nach dem Flug durch die Wolken.

Doch wenn Raffael nachts nicht schlafen kann, spürt er den Engelsflügel schwer und tröstlich auf sich lasten. Wie ein altes Plumeau, dessen Federn schon ein bisschen klumpen, und dessen Kiele durch den Bezugsstoff pieksen. Dabei schmiegt es sich wärmend an seinen Körper. Wenn ihn morgens seine Gedanken wecken, wickelt sich dieses seltsame Etwas schützend um ihn wie die raue Zunge eines großen Hundes. Raffael weiß, dass ihm so nichts geschehen kann. Der Engel kommt und geht, genau wie seine Trauer.


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Mi

10

Sep

2014

am fluss entlang

du folgst dem fluss
auf nassen füßen
während das wasser
sich land holt

du suchst eine brücke
und findest
ein boot ohne ruder
legst dich hinein
und ziehst den himmel
über dich

das boot steigt bei regen
und fällt mit der dürre
zur mündung hin

 

so gleitest du
in die gezeiten
den wellen ausgeliefert

und nur dein boot weiß

wo du bist


bald lernst du
sturm und flaute auszuhalten
deine nächte
zählst du nicht

dann strandest du
auf einer insel
und merkst
dass du sie immer schon
bewohnst

 

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Sa

30

Aug

2014

Die Geschichten liegen auf der Straße

... oder stehen auf dem Parkplatz. Gestern spricht mich vor dem Supermarkt eine Dame an, auf Englisch mit italienischem Akzent. Sie öffnet ihre große gelbe Plastiktüte, in der ich einige Gläser und Flaschen erspähe. Wo sie diese abgeben könne? Da fällt mir nur der Glascontainer in der Nähe meiner Wohnung ein, einen guten Kilometer entfernt von hier. Schon bittet mich die Frau, ihr Altglas zu übernehmen. Sie wirkt freundlich und ehrlich in Nöten: Heute ist ihr letzter Tag in Regensburg, und offensichtlich will sie ihre Ferienwohnung sauber hinterlassen. Das weckt irgendeinen verborgenen deutschen Gastgeberimpuls in mir - schon strecke ich die Hand nach der Tüte aus; sie müsse das Zeug auf keinen Fall mit nach Italien nehmen, versichere ich ihr. Sie verabschiedet sich erleichtert. Und ich lege die Tüte in den Kofferraum. Auf dem Heimweg frage ich mich: Was, wenn doch nicht nur Altglas drin ist? So genau habe ich schließlich nicht hingeschaut. Es könnten auch Drogen drin sein oder Waffen. Aber mein Instinkt sagt, dass alles in Ordnung ist. Außerdem bin ich neugierig, welche Geschichte der Inhalt der Tüte erzählt. Am Glascontainer hole ich eine Champagnerflasche und drei große Schraubgläser heraus, in denen sich laut Etiketten Sellerie bzw. saure Gurken befanden. Außerdem eine Flasche Wodka Imported from Russia, darunter kyrillische Schriftzeichen. Ich stelle mir ein italienisches Paar mittleren Alters vor, das für ein paar Tage Urlaub in der Domstadt macht. Was sind das für Leute, die in der kurzen Zeit eine ganze Flasche Wodka austrinken? Oder haben sie das Zeug von zu Hause mitgebracht? Und der viele Sellerie? Man sagt ihm ja potenzsteigernde Wirkung nach... Fragen über Fragen, die mich, wenn ich wollte, tief in eine Geschichte führen könnten. Wenn man nur ein bisschen die Augen offen hält und sich auf Begegnungen einlässt, bietet sich täglich jede Menge Stoff zum Schreiben.

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So

24

Aug

2014

Hanns-Josef Ortheil: Schreiben auf Reisen

 

Wanderungen, kleine Fluchten und große Fahrten - Aufzeichnungen von unterwegs.

Duden Verlag 2012

 

Vergangener Juli: Ich bin in Weimar, einer Stadt voller Musik und Poesie. Die Sonne scheint und das Caféhaus lockt; nebenan komponiert ein Mann mit langem schwarzem Haar, stumm und mit beiden Händen. Vor mir liegt eine Ansichtskarte. Sie zeigt das Sandmännchen neben einem Auto, das mutmaßlich einen Trabant darstellt. Daneben Schreiben auf Reisen, ein weiteres wunderbares Bändchen aus der Reihe "Kreatives Schreiben" des Duden Verlags. Genau wie Schreiben dicht am Leben gibt es viele praktische Tipps und kleine Schreibanregungen für unterwegs. Kapitel 10: Die Ansichtskarte: Erzählen Sie eine Geschichte, heißt es da. Nichts leichter als das! Das Sandmännchen, so sinniere ich, überlegt wohl, wie es mit seinem großen Kopf in das zu kleine Auto hinein passen soll - oder es fragt sich, ob es aus dieser von Baustellen umzingelten Stadt je wieder herausfindet. Hoffentlich geht es uns morgen besser, schreibe ich. Tage später bekomme ich eine besorgte SMS von der Empfängerin der Karte: "Geht's euch wieder gut? Was war denn los?"

Vielleicht habe ich doch übertrieben. Oder nicht deutlich genug herausgestellt, dass es die Geschichte des Sandmännchens ist und meine abschließende Bemerkung nur eine Parallele. Vielleicht hätte ich sowieso besser über den Komponisten am Nachbartisch schreiben sollen. Oder den allgegenwärtigen Goethe. Jedenfalls beschließe ich, das Kapitel Schreiben für andere vorerst zurückzustellen - zugunsten der Vorübungen oder von Schreiben für mich selbst, bevor ich mich womöglich größeren Textprojekten, Reiseromanen oder -tagebüchern gar, zuwende. Wenn ich nicht zwischendurch wieder an einem der zahlreichen spannenden Buchtipps hängen bleibe und mich festlese wie in Tomas Espedals Gehen oder die Kunst, ein wildes und poetisches Leben zu führen. Doch nicht zuletzt ist das Schreiben selbst ein Reiseverkehrsmittel, das immer funktioniert - sogar vom eigenen Arbeitszimmer aus. Von dort führte ich auch eine kleine Korrespondenz mit dem Sandmännchen, das mir ein Bild von sich schickte - unter der Voraussetzung, dass ich auf seinen Shop hinweise. Mach ich doch gerne, liebes Sandmännchen. Und viel Spaß noch im Berliner Prater. 

 

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Do

14

Aug

2014

Schlüssel

Man möchte meinen, dass ein Schlüssel leichter verschwindet als ein Haus oder ein Auto. Trotzdem ist es oft umgekehrt: In einer vergessenen Schublade findest du einen Schlüssel, zu dem es gar kein Schloss mehr gibt. Er macht dich ratlos oder weckt Erinnerungen: An dein erstes Auto, das längst verschrottet wurde, oder das kleine Schloss an dem Tagebuch, das du mit fünfzehn führtest. Du bist schon mehrfach umgezogen, und es gibt Türen, durch die du nie mehr gehen wirst. Womöglich findest du den Schlüssel zu dem Haus in Schlesien, das deine Mutter verlassen musste, als sie ein Kind war. Vielleicht könnte er sogar noch eine Tür aufschließen. Doch dein Onkel, dem du den Schlüssel zeigst, nimmt ihn mit auf eine Reise nach Polen, wo er ihn in die Oder wirft.

 

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Do

07

Aug

2014

Die Einsamkeit sucht dich

 

Suchen Schriftsteller die Einsamkeit? In Wahrheit ist es andersherum: Die Einsamkeit sucht dich, sie weckt den Schriftsteller in dir. Wenn du beizeiten auf dich selbst gestellt, der Welt ausgesetzt wirst, und niemand da ist, der dir die Welt erklärt, wenn du nur Wald und die verstreuten Häuser deines abgelegenen Dorfes um dich hast - dann bleibt dir nichts anders übrig, als zu schreiben. Nachts schaust du in den Himmel wie ein Romantiker, das pechschwarze Firmament ist deine Kinoleinwand, auf der sich dein eigener Film abspielt. Du lernst das Alleinsein auszuhalten, das dich dein Leben lang sowohl quälen als auch nähren wird. Die Sorte Schriftstellerei, die aus deiner frühen Einsamkeit erwächst, macht dich sehnsüchtig und ein bisschen sentimental. Aber auch zu einem guten Beobachter. Du lauschst hinaus in die Nacht und empfängst die Worte.

 

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So

20

Jul

2014

Ein friedlicher Ort? Die KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora

Gedenkstätte Mittelbau-Dora - Museumsgebäude
Gedenkstätte Mittelbau-Dora - Museumsgebäude

 

Die Besucherin parkt das Auto unter einem Baum im Schatten und nähert sich dem schlichten Museumsgebäude. Erste Eindrücke von der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora bei Nordhausen: Ein friedlicher Ort. Erst recht an einem heißen, himmelblauen Tag im Juli. Da streicht der Wind durch die Bäume, Blätter rascheln sanft. Stille Wege queren das Gelände, und der Kohnstein schmiegt sich als bewaldeter Hügel in die Landschaft des Südharzes.

Sein Geheimnis gibt er erst auf der begleiteten Gruppenführung preis: Da geht es hinein in das Stollensystem, in dem Zwangsarbeiter noch V2-Raketen produzieren mussten, als das Ende des Dritten Reiches schon abzusehen war. Hier unten, wo es still und kühl ist, sollen Zigtausende von Menschen nicht nur unter schweren und schwer vorstellbar schlechten Bedinungen gearbeitet, sondern anfangs auch gelebt, geschlafen haben, bevor draußen das Barackenlager entstand?

Wir erfahren Fakten, doch unser Begleiter - kenntnisreich, respektvoll, unpathetisch - mahnt: Man möge gar nicht erst versuchen sich vorzustellen, wie es war; man würde nur einem Trugschluss erliegen. Ein Hinweis, der zugleich schrecklich und entlastend ist - falls es emotionale Entlastung geben darf an so einem Schauplatz unermesslicher Grausamkeit. Wir besichtigen nur einen winzigen Teil der Anlage, die von den russischen Alliierten teilweise zerstört wurde. Die produzierten Raketen wurden auf Schienen aus zwei Fahrstollen herausgefahren. Von den Gleisen ist heute kaum noch etwas zu sehen, wohl aber vom Lagerbahnhof.

Ich habe Bahnhöfe bisher immer als Orte des Fernwehs und der Vorfreude empfunden. Diese gemauerten und betonierten Quader jedoch waren für so viele Menschen die Endstation ihres Lebens! Von den 60.000 Zwangsarbeitern und Zwangsarbeiterinnen, die das Lager in seiner kurzen Geschichte sah, starben 20.000.

Ein Vierteljahrhundert nach der Wiedervereinigung Deutschlands ist es möglich, sich noch einmal neu mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen. Die Neukonzeption der Gedenkstätte seit 2006 trägt dem Rechnung. Dabei beschränkt sich die Gestaltung der Außenanlagen auf das Notwendige, das Dokumentierte braucht keine Interpretation, um zu wirken. Das gesamte Gelände unterliegt dem Friedhofsrecht - dass es dabei wie eine weitläufige Parkanlage wirkt, ist kein Widerspruch. Schließlich ist es ein Ort des Todes und der Toten. Ein Ort der Trauer und des Nicht-Vergessens. Ein Ort, der zum Frieden mahnt.

 

Denn wir alle sind Schlafende, irgendwie - Menschen, in denen sowohl das Schöne als auch das Schauerliche schlummert, das uns je nach den Zeitumständen zu Täterinnen oder Opfern, Mitläufern oder Widerständigen formen kann. Die psychische Ausstattung der Menschen ist die gleiche wie vor 70 Jahren. Nur das Bewusstsein kann sich ändern.

 

Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora - See more at: http://www.buchenwald.de/392/#sthash.3rxmZtOv.dpuf
Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora - See more at: http://www.buchenwald.de/392/#sthash.3rxmZtOv.dpuf
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So

06

Jul

2014

Violette. Ein eindringliches Plädoyer für das Schreiben

 

Ein unglaublich schöner, einfühlsamer Film ist dem Franzosen Martin Provost gelungen. In Violette porträtiert er (wie schon zuvor in der Filmbiografie Séraphine) eine außergewöhnliche Frau, die den Verhältnissen ihrer Zeit und ihrer Herkunft trotzt: Violette Leduc (1907 - 1972).

 

Unehelich geboren im Jahr 1907 als Tochter eines Dienstmädchens, schleppt sich Violette Leduc mit diversen Makeln durch das Leben wie ein krumm gewachsenes Bäumchen. Sie wächst in Armut auf, sie schreibt, sie betreibt Schwarzhandel während des Weltkrieges. Und sie leidet. An sich, an der Gesellschaft, an ihrer vermeintlichen Hässlichkeit, an unerfüllten Sehnsüchten. Ihr bleibe gar nichts anderes übrig, als zu schreiben, sagt ihr ein früher Weggefährte. Und Violette schreibt. Immer schöpft sie dabei aus dem Biografischen. Aus dem Gefühl, ein ungewolltes Kind zu sein, aus den ersten Erfahrungen lesbischer Liebe im Internat, aus der Zeit ihrer kurzen Ehe und einer Abtreibung. Dabei spiegelt ihre ganz persönliche Situation die gesellschaftliche Rolle der Frauen, die erst Jahre später einen neuen Auf- und Ausbruch aus den unterdrückenden Verhältnissen wagen sollten.

 

Wenn Violette liebt, geht es oft daneben; ihr bisheriges Leben scheint ihr schon ein zu großes Defizit an Liebe mitgegeben zu haben. Begehrt sie ausnahmsweise einen Mann, dann liebt auch dieser Männer - und zwar ausschließlich. Ihre größte unerfüllte Liebe aber schenkt sie Simone de Beauvoir, die ihre Unterstützerin und Fördererin wird - und zugleich ihre Rivalin, als Violettes erste Bücher nicht erfolgreich sind.

 

"Jammern Sie nicht, das kann ich nicht leiden", sagt die Beauvoir in einer unvergesslichen Szene zu ihr. Ein Satz, den sich alle erfolglos Schreibenden immer wieder vorsagen sollten. Und: "Schreiben Sie!", ist Beauvoirs Antwort auf so ziemlich alle Fragen, Missstände und Leiden Violettes. Und Violette schreibt, immer wieder. Bis sie am Ende doch erfolgreich ist - eine Mitstreiterin und Wegbereiterin des Neuen Feminismus.

 

Am Ende erfährt Violette endlich die Anerkennung, die sie so lang ersehnt hat. Sie stirbt, wenn vielleicht auch nicht versöhnt mit sich, immerhin als bekannte Persönlichkeit.

 

Für mich ist dieser Film vor allem ein bedingungsloses Plädoyer für das Schreiben - ein Schreiben, das nicht Heilung, aber Rettung ist. Es bewahrt Violettes Lebensfaden vor dem Zerreißen, wo er schon manches Mal gefährlich dünn ist.

 

Ein Film, der zudem wunderbare Bilder und ungewöhnliche Perspektiven hat: Mehr als einmal bekommt der Betrachter die Tür vor der Nase zugeschlagen. Auch wenn die nächste Einstellung dann bereits wieder das Geschehen hinter der Tür zeigt, erzwingt dieser Kunstgriff eine kleine Nachdenkpause. Andere Szenen wirken, als sei man mit im Zimmer, ein lautloser, unentdeckter Eindringling in die Intimsphäre der Figuren. Mit alldem verschmilzt harmonisch die Filmmusik von Arvo Pärt.

 

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Do

19

Jun

2014

Eine völlig andere Welt

Turm der Großen Synagoge in Pilsen, hinter einem Nachbargebäude versteckt
Turm der Großen Synagoge in Pilsen, hinter einem Nachbargebäude versteckt

 

Eine Zugstunde von Regensburg entfernt - dort, wo einst die westliche Welt zuende war - beginnt das fernste aller Ausländer, Tschechien. Bisher. Ich bin mit einer diffusen Angst vor "dem Ostblock" sozialisiert, und die Sprache war ein zusätzliches Hindernis. Doch plötzlich treten aus dem undurchdringlichen Buchstabensalat vereinzelt Wörter hervor, die einen Sinn ergeben. Wörter wie zmrzlina - Speiseis, čtvrtek - Donnerstag oder špatný - schlecht. Der Klang gefällt mir, und zu meiner Überraschung meistere ich so manch kühne Konsonantenanhäufung. Pilsen, wo ich vergangenes Wochenende einen Crashkurs Tschechisch absolvierte, gefällt mir ausnehmend gut. Es ist Regensburg ähnlich genug, um mich nicht ganz verloren zu fühlen, und ausreichend anders, um mir das Gefühl von Abenteuer und Freiheit zu geben - die breiten Straßen, die Jugendstilhäuser, die alten und neuen Straßenbahnen. Der Besuch der Synagoge ist für mich ein besonderes Erlebnis - nicht nur, weil sie die zweitgrößte in Europa ist, sondern wegen der Normalität. Es erschreckt mich immer wieder, dass gerade in Deutschland jüdische Einrichtungen noch immer polizeilich geschützt werden müssen. Vielleicht ist auch in Tschechien die Lage nicht völlig entspannt, denn Rechtsextremismus gibt es - leider - überall in Europa. Doch die Synagoge in Pilsen fühlte sich an wie ein ganz normales Gotteshaus - und ein Kulturort, in dem Fotoausstellungen und Konzerte stattfinden.

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So

01

Jun

2014

Hanns-Josef Ortheil: Schreiben dicht am Leben

Notieren und Skizzieren.

Duden Verlag 2012

 

Das handliche Buch aus der schön gestalteten Reihe "Kreatives Schreiben" des Duden Verlags ist eine Einladung zum zwanglosen Beobachten und Notieren. Hanns-Josef Ortheil zeigt uns am Beispiel bekannter Autoren und Autorinnen, welche Wirkung auch knappe Notate und Beobachtungen haben können, und wie man selbst solche Aufzeichnungen vornimmt: Notieren als Fotografieren, Porträtieren, Genaues Zeichnen, Präsentieren; Notieren von Emotionen und Passionen. Am Ende jedes Kapitels stehen kleine Schreibaufgaben, die leicht in die Praxis umzusetzen sind. Bereits in dem Buch "Wie Romane entstehen" durften wir ja dem Autor über die Schulter schauen und lernten Ortheils Arbeitsweise als fortwährendes Beobachten und Notieren kennen, das schon die Keimzelle einer Geschichte in sich trägt. "Schreiben dicht am Leben" ist dazu eine gute Ergänzung und darf wohl als systematische Wahrnehmungsschulung verstanden und umgesetzt werden.

 

So habe auch ich mich gleich von einer einfachen Beobachtung inspirieren lassen:

 

Ein haariger gebräunter Arm auf einer Plastiksessellehne. Der kurze Ärmel eines T-Shirts. Finger, die eine Zigarette halten, und ein breiter Silberring. Lederstiefel. Unter dem Stuhl eine Flasche Rotwein, ungeöffnet. Die Armeejacke auf dem Schoß. Ein Lachen tief aus der Kehle. Rauch.

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Di

08

Apr

2014

Und ein großer Spaß dazu...

Jahrestreffen des Segeberger Kreises in Meißen

 

Was ist das? Nun, es handelt sich um ein Zwischenergebnis meiner Arbeit in der Gruppe Collagen - Tod des Autors zum Thema schreiben21 - Was ist zeitgemäß?. Dies war das Motto der Jahrestagung des Segeberger Kreises, die diesmal in der Evangelischen Akademie in Meißen stattfand. Ein wunderbarer Ort zum Tagen, nebenbei bemerkt - sowohl das Tagungshaus als auch die Stadt. Hier trafen sich, wie jedes Jahr, zwischen 50 und 60 Schreiblehrerinnen und Schreiblehrer, AutorInnen und andere Schreibende. Sinn und Zweck ist der Austausch und die literarische Geselligkeit.

Das Besondere: Am Donnerstag Abend finden sich die Gruppen, die das gemeinsame Jahresthema von jeweils einer anderen Warte aus beleuchten. Zwei Tage lang wird dann intensiv und selbstorganisiert geschrieben, experimentiert, diskutiert. Bis zum großen Finale am Sonntagvormittag, in der die Gruppen ihre Ergebnisse präsentieren. Die Gruppe Bestseller beispielsweise nahm mit einem fiktiven, reißerischen Werk, dazugehörigem Autor, Rezensionen, Klappentexten und Interview den Literaturbetrieb aufs Korn; dazu gab es Feldversuche, neue Weltschmerzlyrik oder eben Collagen. Dabei wurde munter geschnitten und geklebt, zerstört und neu zusammengefügt, bis das eigene Material in den Textprodukten anderer aufging - und umgekehrt.

Beim Spiel mit der Sprache und literarischen Selbstversuchen entsteht immer Neues, entwickeln sich Einsichten, Erkenntnisse und - ganz praktisch - neue Schreibanregungen. Ein Tagungsband dokumentiert die Gruppenergebnisse und ihre Anwendbarkeiten. Ein reichhaltiger Fundus für meine künftige schreibpädagogische Arbeit. Und ein großer Spaß dazu.

 

Work in Progress
Work in Progress
Ausgangsmaterial und Endprodukte
Ausgangsmaterial und Endprodukte
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Mo

31

Mär

2014

"Warum ist die deutsche Gegenwartsliteratur so langweilig?"

Foto: Adrian Pingstone
Foto: Adrian Pingstone

 

Die deutsche Gegenwartsliteratur ist langweilig.

Die deutsche Gegenwartsliteratur ist brav.

Die deutsche Gegenwartsliteratur ist konformistisch.

Die deutsche Gegenwartsliteratur ist...

 

Wirklich?

 

Aus irgendwelchen Gründen ist es gerade "in", sich über die angebliche Blutleere und Stromlinienförmigkeit der deutschen Gegenwartsliteratur zu beklagen. Wie zum Beispiel Florian Kessler in seinem Artikel Lassen Sie mich durch, ich bin Arztsohn! Als Grund für Bravheit und Konformismus scheint er herausgefunden zu haben, dass die Absolventen und Absolventinnen der renommierten Schreibschulen in Hildesheim und Leipzig alle aus dem "gleichen, saturierten Millieu" stammen und unter Ihresgleichen studieren, von Ihresgleichen unterrichtet werden. Als Arbeiterkind bin ich gefährdet, zuzustimmen. Möglicherweise wurde ich von ganz anderen Lesegewohnheiten geprägt als die Hildesheimer Akademikerkinder. Aber auch ich lese deutsche Gegenwartsliteratur - die oft genug gar keine deutsche, sondern deutschsprachige ist: Eva Menasse zum Beispiel oder Arno Geiger, die eine aus Wien, der andere aus Bregenz...

 

Und dann ist da noch die eigentlich nur beleidigend zu nennende und grobmotorisch verfasste Wortmeldung Maxim Billers, Letzte Ausfahrt Uckermark: Die Enkel der Nazigeneration bestimmten hierzulande, was gelesen wird, und es fehlten lebendige literarische Stimmen von Migranten. Rein physikalisch bedingt (zeitliche Komponente) bin auch ich eine Enkelin der Generation, die von 1933 - 1945 erwachsen wurde oder war. Was Herr Biller darüberhinaus über die Geisteshaltung der nachfolgenden Generationen abzuleiten meint, will ich eigentlich gar nicht nachvollziehen.

 

Gleichzeitig bezeichnet Biller Autorinnen "mit Migrationshintergrund", wie die geniale Marjana Gaponenko oder Zsuzsa Bánk, als folkloristisch. Die "richtige" Migrantenliteratur stammt offenbar nur von Männern, wie Saša Stanišić oder Abbas Khider (unbedingt lesen: Die Orangen des Präsidenten). Die eigene Biografie kann mehr oder weniger deutlich Gegenstand von Romanen sein, sie muss es aber nicht - das hieße ja, dass Autoren und Autorinnen, deren Wurzeln außerhalb Deutschlands liegen, ihr Themenspektrum zwangsläufig einengen müssen, um ernst genommen zu werden. Ist diese Reduzierung das, was Biller sich wünscht?

 

Oder spricht hier nur ein selbst zu kurz gekommener, wie es auch Harald Martenstein in seiner Reaktion auf den Artikel mutmaßt?

 

Nein, ich kann nicht einstimmen in das allgemeine Bashing deutsch(sprachig)er Literatur. Allerdings scheint eine gewisse geistige Schwere und Düsterheit vonnöten zu sein, um hierzulande in der Literatur ernst genommen zu werden. Im Gegensatz dazu zählen in den USA oder auch Großbritannien Autoren zur Weltliteratur, die zum Teil urkomisch von den tragischsten Begebenheiten zu erzählen wissen, und das immer mit einer großen Liebe zu den Figuren - wie zum Beispiel der lange Jahre verfolgte Salman Rushdie. Ist er, der mit 14 Jahren von Indien nach Großbritannien zog, um dort zur Schule zu gehen, auch als Migrant zu sehen? Zumindest war er lange Jahre auf der Flucht - gerade wegen seines Schreibens. Aber das ist eine andere Geschichte.

 

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Do

27

Mär

2014

(K)ein einfaches Leben

Foto: Aineias at de.wikipedia
Foto: Aineias at de.wikipedia

Gestern im Literaturbrettl in Regensburg: Ein Abend mit Gangaamaa Purevdorj. Klug und warmherzig erzählt die Kulturwissenschaftlerin von ihrer Heimat am Berg Saikhan. Von Jurten und Pferden, von tapferen Reitern und den Müttern, die als morgens als erstes den Ofen in der Jurte erwecken. Gangaamaa ist eine wunderbare Botschafterin ihrer Heimat. Nicht nur hat sie einen Dokumentarfilm aus der Mongolei mitgebracht: Wo ich geboren bin - Einzig allein die Heimat der wiehernden Pferde. Sie schreibt auch in deutscher (!) Sprache über die Mongolei - und sie singt Volklieder aus ihrer Heimat. Ihre Stimme findet den Weg mitten ins Herz, erzeugt Fernweh und, wie meine Begleiterin sagt, die Sehnsucht nach dem einfachen Leben, die in uns allen schlummert.

Doch "einfach" ist es sicher nicht, dieses Leben der Nomaden - jedenfalls nicht in dem Sinne, dass es nicht anstrengend wäre: Pferde wollen zugeritten, Ziegen und Schafe gemolken und versorgt, die Milch verarbeitet und das Feuer in der Jurte am Brennen gehalten werden. Die Jurte, ein weißes geschnürtes All. Geborgene Behausung der ganzen Familie, Schutz vor strengen Wintern, Stürmen und sengender Sonne.

Einfachheit, das heißt: Tun, was zu tun ist, in gleichmäßigem Rhythmus. Tiere zähmen und respektieren. In Gemeinschaft leben und arbeiten, ein jeder an seinem Platz. Unter dem weiten Himmel geborgen sein. Lieder mit dreiunddreißig Strophen singen. Sich an vergorener Milch berauschen. Aufeinander angewiesen sein.

Doch da ist auch der Wunsch nach (Aus)bildung für die Kinder, teuer und schwer zu erreichen. Manche gehen tatsächlich weg und studieren. Ziehen weiter. Kehren heim? Ab Juni jedenfalls lädt Gangaamaa zu Kulturreisen in ihre Heimat ein, zu erloschenen Vulkanen, alten Städten, Flüssen und Klöstern. Und vielleicht auch zum Dungsammeln, Melken, Malen und Erzählen.

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Mi

19

Mär

2014

Leipziger Buchmesse

Auf der Leipziger Buchmesse am 14. März
Auf der Leipziger Buchmesse am 14. März

 

Geballter Literaturbetrieb, Schau- und Leselust, Verkaufsgespräche. Und für das Publikum: Lesungen, Buchvorstellungen, Interviews. Sehen und Gesehenwerden. Gleich zu Anfang stolpere ich über eine Autorin, die ein esoterisches Buch über Sex geschrieben hat. Aus dem Publikum die von Schreibenden wahrscheinlich meistgefürchtete Frage: "Wie sind Sie auf die Idee gekommen, dieses Buch zu schreiben?"
Ebenso originell der Roman, aus dem eine sehr sympathische, hübsche Mittdreißigerin vorliest: Über Mittvierziger in der Krise, die offenbar nur durch drogengestützte Orgasmen zu überwinden ist. Die monotone, ausdruckslose Stimme der Autorin, laut Ankündigung auch Schauspielerin (!), vermag nicht an den Text zu fesseln. Der gelangweilt dreinblickende Moderator - oder ist es ihr Lektor? - macht es nicht spannender.

Es ist aber auch ein hartes Brot, auf der Buchmesse zu lesen: Das Getümmel des Messebetriebs, die schier unglaubliche Konkurrenz der anderen und das ständige Kommen und Gehen der Menschen, die mitunter nur dort sitzen, weil gerade ein Platz zum Ausruhen frei war.
Ich lasse mich treiben, plaudere ein wenig am Stand der IG Autoren, wo sämtliche Editionen Österreichs sich auf kleinster Fläche präsentieren, trudle weiter zum Schweizer Auftritt, lasse mir im Österreichischen Kaffehaus ein Häferl Kaffee servieren.
Dann komme ich gerade rechtzeitig ins "Café Europa", wo Tim Parks sein neues Buch vorstellt. Ich liebe sein britisches Englisch, das ich gut verstehe, und auch den Dolmetscher und die herzlich zugewandte Interviewerin. Entweder sind alle drei maximal kompetente Showprofis, oder sie mögen sich wirklich - jedenfalls wirken sie so unglaublich sympathisch, so authentisch und dabei noch humorvoll, dass ich die Veranstaltung in vollen Zügen genieße. Nicht mal so sehr wegen des Buches, das ich nachher kaufe und signieren lasse. Vielmehr fasziniert mich, wie Tim Parks über sich erzählt, über sein Schreiben, seine Meditationserfahrungen. Und was geschieht, wenn ein Autor versucht, ohne Worte auszukommen - und zwar nicht nur ohne geschriebenes, sondern auch gedachtes Wort. Eine schwere Übung, die alles in Frage stellt bis hin zur eigenen Identität, die ja, zumal bei einem Autor, immer auch eine Erzählung ist, eine Konstruktion aus Worten.
Am Ende bin ich doch ein wenig erschöpft und nehme im Messestudio von 3Sat Platz, wo ich Peter Stamm, Ursula von Arx und Adolf Muschg im Interview erlebe. Ich lerne ein bisschen über die Schweiz, ihr sprachliches Selbstverständnis und den Schmerz, den der jüngste Volksentscheid über die Zuzugsbegrenzung bei vielen ausgelöst hat. Doch wer solche Autoren und Denker(innen) hat, wird auch mit diesen Realitäten umzugehen wissen - vielleicht ist es ein Weckruf, der uns Rest-Europäern und Europäerinnen noch bevorsteht.

 

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Di

04

Mär

2014

Bei den Felsen

Falkenstein, 1. März 2014

 

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Sa

22

Feb

2014

Beamtenblues

Fünfzehn Jahre

Brauchte er

Um zu erkennen

Dass das Geräusch

Im Flur

Keine sich öffnende Tür

Sondern ein vorwärts springender

Zeiger ist

 

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Mo

10

Feb

2014

Bewegung

Deine Augen spiegeln

Das Vorüberziehen der Äste

Auf dem Wasser

Nebel hüllt dich ein

Langsam.

 

Schritt vor Schritt setzt du

Auf den sich wandelnden Weg

Nur deine Füße

Sind immer dieselben.

 

Dein gleichmäßiger Atem

Füllt

und leert

Die Lungen

In deinen Ohren

Nur dieses eine Geräusch.

 

Einatmen - ausatmen.

 

Ein Stolperstein:

Geschickt

Steigst du darüber hinweg

Nur du entscheidest

Ob es Hindernisse sind

Oder Wegweiser

Die deinen Pfad begleiten.

 

Bewegung ist überall

Gleich ob du gehst

Oder stehst

Vom Feldrand aus

Siehst du die Vögel aufsteigen

Und Grashalme zittern

Unter einem unsichtbaren Atem.

 

Das Flügelschlagen eines Schmetterlings

Und die Erdkrümel

Die vom frischen Maulwurfshügel kullern:

 

Alles was ist

Ist in Bewegung.

 

sweet landing pad
sweet landing pad | Thomas Weyrauch
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So

02

Feb

2014

Big Data, little knowledge

Edward Snowden auf der Flucht vor der NSA. Datenklau durch Google, Amazon und Co. Sechzehn Millionen ergaunerte Zugangsdatenkombinationen. Dicke Luft wegen des ausgespähten Kanzlerinnenhandys. Was ist geworden aus dem Versprechen unbegrenzter (Informations-)Freiheit und digitaler Mobilität? 

 

Technik, Politik und der "größte Bluff der Weltgeschichte" ist der Titel der heutigen Ausgabe von Lesart,  einer Sendung auf Deutschland Radio Kultur. Es ging um das Sammeln und Auswerten enormer Datenmengen - ausgehend von der Tatsache, dass die weltweite Verfügbarkeit von Daten und die Vernetzung von Millionen Menschen einst ein Menschheitstraum war, der durch das Internet wahr zu werden schien.

 

Doch es ist ein schmaler Grat zwischen Transparenz und Überwachung. Leider leben wir nicht in einer Welt, in der wir einander vorbehaltlos vertrauen dürfen; die Preisgabe von Daten im Internet ist immer ein Risiko. Auch wenn viele Menschen das nicht weiter zu beunruhigen scheint: Heute hörte ich im Radio, dass ungefähr 1,6 Millionen Betroffene durch den BSI-Sicherheitstest erfuhren, dass ihre Mailadresse und Zugangsdaten zu den "gekaperten" gehören. Die anderen 90 % wissen noch nichts davon. Vielleicht ist es ihnen egal. Oder ihre Rechner sind längst lahmgelegt...

 

Vermutlich ist das wirtschaftsstarke Deutschland ein besonders guter Markt für geklaute Zugangsdaten - allein schon zahlenmäßig. Denn während Europa zu den bestvernetzten Regionen gehört, hat mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung noch gar keinen Zugang zum Internet.

 

Unser Wohlstand macht uns anfällig. Nicht für Hunger, Durst oder extreme Umweltbedingungen. Aber für den Verlust unserer Privatsphäre und den Missbrauch unserer Daten. Auch der kann im Zweifel existenzbedrohend sein und die Teilhabe am (Wirtschafts-)Leben verhindern - etwa, wenn ein Jobbewerber durch ungünstige Aktivitäten in Sozialen Netzwerken auffällt oder plötzlich kein Konto zu bekommen ist, weil die Auswertung irgendeiner intransparenten Datenbank eine schlechte Zahlungsmoral erwarten lässt.

 

Noch nie war es so einfach, persönliche Meinungen, Fotos oder biografische Daten auszutauschen - und noch nie hatte der oder die einzelne so wenig Kontrolle darüber, was damit geschieht.

 

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Mo

13

Jan

2014

Besser als Bargeld

Manchmal bekommt man Gutscheine aus Verlegenheit geschenkt und muss dann Orte aufsuchen, an die man sonst nie kommt: Ein Hot-Stone-Massagestudio, ein Floating-Center oder gar das Donaueinkaufszentrum. Das kann zu neuen Erfahrungen führen oder aber dazu, dass das Geschenk nie eingelöst wird. Ein Volltreffer hingegen ist es, wenn mir eine liebe Freundin 10 Euro Guthaben beim Café Anna schenkt. Dann kann ich an so einem wunderbaren hellen Wintertag, wie er in Regensburg selten ist, mit ungefähr hundert anderen zur Theke drängen und mir einen großen Café au lait bestellen. Anstatt den Geldbeutel zu zücken, reiche ich dem Kellner meinen Gutschein - und erfahre: Den Rest müsse er mir in bar auszahlen, da der Gutschein aus einer anderen Filiale stamme. Was mir nicht wirklich einleuchtet, doch immerhin ist Bargeld eine sichere Sache, noch sicherer als ein Stück Papier, auf dem der Restbetrag geschrieben steht. Oder? Trotzdem bin ich irgendwie enttäuscht. Der Gutschein sagte: Schau her, ich hab an dich gedacht, und ich weiß, was dir gefällt. Harte Währung dagegen verschwindet im Geldbeutel, und es ist fraglich, ob ich beim nächsten Kaffee noch dran denke, dass ich eingeladen worden bin. Kurzerhand stecke ich anstelle des Gutscheins das Restgeld in den Umschlag und schreibe drauf: Für Café Anna, von K.

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Di

07

Jan

2014

Fröhliches neues Schreibjahr und Domblick!

Heute Morgen habe ich das alte Jahr und mein Atelier herausgefegt, meine einzige Topfpflanze gegossen (warum nur scheinen Pflanzen umso besser zu gedeihen, je länger man sie in Ruhe lässt?) und den Schreibbetrieb wieder aufgenommen. Und schon scheint die Sonne! Und so kann ich euch auch einen der Gründe zeigen, warum ich dieses Atelier angemietet habe: Es ist der Domblick - zart ragen die Türmchen in den blauen Himmel, zwischen winterkahlen Bäumen und glänzenden Edelstahlkaminen...

 

Ein fröhliches Jahr euch allen!

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Mo

23

Dez

2013

Wenn Buddhisten scherzen...

Meister, Meister, wie lange brauche ich bis zur Erleuchtung?

- Nun, vielleicht 20 Jahre.

Und wenn ich mich wirklich sehr anstrenge?

- Dann 40 Jahre.

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Do

19

Dez

2013

Nach-Lese 2

Foto: Corradox | wikipedia
Foto: Corradox | wikipedia

Am vergangenen Samstag besuchte ich gleich noch eine Lesung, und zwar in Maienfeld, einem von Weinbergen umgebenen zauberhaften Städtchen in Graubünden in der Schweiz. Das heißt, von den Weinbergen sah ich spät abends eigentlich nichts - nur den Wein :-) Und weitere Bündner Spezialitäten, die im so genannten Klostertorkel aufgetischt waren: Dem Raum, in dem ehemals der Wein der Klosterwirtschaft gekeltert wurde (Torkel = Weinpresse). Nun beherbergt er einen wunderbaren Kulturort. Meine Freundin, die Autorin und Schreibpädagogin Edith Truninger, las dort dort zusammen mit der schweizer TV-Moderatorin Monika Schärer; Anlass war die Vernissage des 4. Heftes der Literaturzeitschrift Täxtzit. Nachdem ich mich ins Schwizerdütsch eingehört hatte, konnte ich der Moderation sogar weitgehend folgen :-) 

Und die vorgelesenen Texte sind ohnehin in Hochdeutsch abgefasst, doch sie haben alle einen Bezug zur Schweiz. Wie auch Wie Katze und Mamba, der Vorabdruck aus Ediths Roman Hibiskus Corner, der im zweiten Halbjahr 2014 erscheint. Ich freu mich drauf!

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Mi

18

Dez

2013

Nach-Lese

Francisco Castiñeira liest. Foto: María
Francisco Castiñeira liest. Foto: María

Am 12. Dezember war es so weit: Bei Glühwein, Kinderpunsch und Plätzchen lasen die Teilnehmenden zweier Volkshochschulkurse im Künstlerhaus vor etwa 20 Gästen aus ihren Texten. Gemeinsam mit Rolf Stemmle, bekannter Regensburger Autor und ebenfalls Leiter einer Schreibwerkstatt an der VHS, verwandelte ich die Werkstatt im Erdgeschoss des Hauses in einen Auftrittsort. Zum ersten Mal war ich Gastgeberin für eine kleine Veranstaltung hier und staunte, welche Atmosphäre sich mit wenigen Handgriffen erzeugen ließ! Für das "Catering" sorgten auch die Besucher - danke dafür. Und natürlich für die Lesenden, die sich mutig und souverän dem Publikum präsentierten. Francisco Castiñeira, der bereits einen Kurzgeschichtenband in seiner Muttersprache Galizisch veröffentlicht hat, debütierte sogar in deutscher Sprache. Mir hat der Abend sehr viel Spaß gemacht, nicht nur die Gedichte und Geschichten, sondern auch die Gespräche am Rande. Danke an alle!

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So

08

Dez

2013

Maulwurfshügel beobachten

Ein Sonntagnachmittag im Dezember. Der Wetterbericht meldet Wolken über ganz Bayern. Ganz Bayern? Nein: Ausgerechnet über Regensburg, der Stadt mit den vermutlich meisten Hochnebeltagen in ganz Bayern, klafft ein Loch in den Wolken. Bis ich allerdings rauskomme, hat sich der Sonnenschein schon fast verflüchtigt. Zuvor meinte ich noch ein paar kleine Haushaltspflichten erledigen zu müssen. Nun aber sitze ich auf einer Bank an der Donau. Für Anfang Dezember ist es nicht besonders kalt. Ich schaue über die sich blaugrau kräuselnde Donau zu den Winzerer Höhen hinüber.

Doch was ist das? Am unteren Rand meines Gesichtsfeldes regt sich was. Ich schaue genauer hin: Direkt zu meinen Füßen ist die speckigbraune Erde aufgetürmt wie Kuchenstreusel. Darunter ackert jemand. Ich warte. Da! Schon wieder bewegt sich was, und ich erwarte fast, ein kleines Schaufelhändchen oder eine Schnauze aus dem Dreck spitzen zu sehen. Aber da ist der Maulwurf ganz bei sich selbst. Unterirdisch buddelt er und denkt gar nicht daran, ans Licht der Welt zu treten. Vielleicht müssen die Gänge für den Winter tiefer gelegt werden? Und er hat kein Bedürfnis, rauszukommen. Alles, was er braucht, findet er unter der Erde. Beruhigt und beschwingt kehre ich in meine Wohnhöhle zurück.

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Mo

02

Dez

2013

Die Stunde der Migranten

Sonntagmorgens um viertel nach sieben im Sechserbus: Für mich eine unübliche Zeit und ein unübliches Verkehrsmittel. Viele Menschen sind noch nicht unterwegs. Dafür aber einige, deren Vorfahren nicht unbedingt nur Bajuwaren waren - wobei die Bayern selbst im Laufe der Jahrhunderte ja auch den verschiedensten ethnischen Einflüssen aus nah und fern ausgesetzt waren. Der müde junge Mann auf dem Doppelsitz nebenan jedenfalls könnte aus Indien stammen, oder auch Pakistan. Kommt er von der Arbeit nach Hause? Er wirkt auf mich nicht so, als ob er einfach die Nacht durchgefeiert hätte. Schon gar nicht im Stadtwesten, aus dem der Bus kommt. Obwohl: Die meisten Nächte habe ich wohl in privatem Rahmen durchgemacht, im angeregten Gespräch. Vielleicht auch er. Vielleicht sind ferne Verwandte zu Besuch, und es gab ein großes Fest? Neben ihm liegt etwas, das aussieht wie ein Kellnergeldbeutel. Vielleicht muss ich deswegen ans Hotelgewerbe denken. Möglich, dass er irgendwo eine Morgenschicht beginnt. Und der andere Mann? Der, der so dunkelhäutig und wettergegerbt aussieht? Ziemlich dünn ist er. Drahtig auch. Trägt Jeans und eine Jacke, die für die Jahreszeit zu kalt sein dürfte. Später steigen ein paar schwarze Frauen zu. Was sagt es über mich, dass ich an Putzfrauen denken muss? Andererseits sind die ja wirklich oft zu nachtschlafender Zeit unterwegs - und wenn das gemeine Volk dann wach ist, glänzen Büros und Läden sauber... Vielleicht aber fahren die Frauen auch ans Klinikum und kamen als dringend benötigte Pflegekräfte ins Land. Fragen über Fragen... und nur deshalb, weil ich einmal an einem für mich ungewohnten Ort, zu ungewohnter Stunde unterwegs bin. Der Stunde der Migranten...

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Sa

30

Nov

2013

Alexander Steele (Hrsg.): Creative Writing

Romane und Kurzgeschichten schreiben

Autorenhaus Verlag 2004

 

Das Buch folgt dem Gotham Writers Workshop, einer Privatschule für Kreatives Schreiben in New York. In zehn aufschlussreichen Kapiteln führen verschiedene Dozenten und Dozentinnen in das Handwerk des Schreibens ein: Figuren und Plot, Beschreibungen und Dialoge, Perspektive. Auch ein Abschnitt zur Überarbeitung fehlt nicht, und die Lektionen werden illustriert an Hand der Kurzgeschichte "Kathedralen" von Raymond Carver, die im Buch komplett abgedruckt ist.

 

Ein absolut brauchbares Handbuch für das Selbststudium des Kreativen Schreibens, das auch für erfahrene Schreibende noch Neues enthält - oder wieder einmal an die Grundlagen erinnert :-)

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Do

28

Nov

2013

Es geht nicht darum, zum Meer zu kommen

... sondern darum, ein Fluss zu sein.

nach Krishnamurti

 

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Mi

27

Nov

2013

Ulrike Scheuermann: Schreibdenken

Schreiben als Denk- und Lernwerkzeug nutzen und vermitteln
Verlag Barbara Budrich, 2012

Was ist Schreibdenken, und wie können Hochschullehrende es für sich selbst und ihre Studierenden nutzen? Schreibdenken bedeutet, beim Schreiben die Gedanken weiterzuentwickeln; Schreibdenken als Methode verbindet assoziative, strukturierende, reflektierende Elemente und noch einiges mehr, das sowohl die Entwicklung von Sachthemen als auch die ganz persönliche Weiterentwicklung fördern kann - nicht zuletzt auch die eigenen Schreibfähigkeiten und die Lust am Schreiben. Frau Scheuermann zeigt zunächst den Zusammenhang mit anderen Konzepten auf und stellt den Schreibprozess und verschiedene Schreibtypen (wie z.B. den "Drauflosschreiber" oder den "Patchworkschreiber") vor. Besonders wertvoll: Der "Methodenkoffer", der konkrete Schreibanregungen enthält. Die beiden letzten Kapitel beschäftigen sich damit, wie Schreibdenken in Lehre und Unterricht und als Selbstcoaching-Methode eingesetzt werden kann.

Mit dem kompakten, anschaulich geschriebenen Büchlein werden nicht nur Hochschullehrer und -lehrerinnen etwas anfangen können, sondern vielmehr alle, die sich intensiver mit dem Schreiben auseinandersetzen wollen, z.B. für die Schreibgruppenleitung in der Erwachsenenbildung oder allgemein für das berufliche Schreiben.

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So

08

Sep

2013

Die Äcker der Kindheit

Auf den Äckern der Kindheit blüht der Mohn
Und das Unkraut dazwischen
Auf den Äckern der Kindheit liegt Samen
Der noch nicht aufgegangen ist
Auf den Äckern der Kindheit wächst Verschiedenes
Manches wächst mickrig. Manches blüht.
Manches verdorrt.
Auf den Äckern der Kindheit darf Unkraut sein
Unkraut ist Ansichtssache
Die Äcker der Kindheit liegen brach
Sie erholen sich
Vom Pflügen und Wachsen
Die Äcker der Kindheit wussten nicht
Dass die Felder der Freiheit
Ihre Nachbarn sind
Die Äcker der Kindheit bergen alles
Das Künftige und die Vergangenheit
Aus den Äckern der Kindheit speist sich
Was Nahrung braucht

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